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Themenschwerpunkt: Vision. Unsere Welt von morgen.

Die vierte Revolution

von Ulrike Bohnsack | 14.12.2016 | Report|C:R-3-2016

Virtuelle und natürliche Welt verzahnen sich. Wie werden wir morgen arbeiten?

Nein, dies ist wahrlich nicht das Büro der Zukunft: Aktenordner drängeln sich in den deckenhohen Regalen, dicht gereiht haben Bücher- und Heftstapel den Schreibtisch erobert. Einzig der Computer in diesem schlauchigen Raum kündet davon, dass hier auch papierlos gearbeitet wird. Und das zu einem Schlüsselthema: vierte industrielle Revolution, Arbeit 4.0.

Die Digitalisierung wird viele Berufe umkrempeln. Noch mehr als heute werden Daten miteinander verquickt, Dienste sich selbständig steuern, intelligente Maschinen körperliche und geistige Tätigkeiten übernehmen und dabei mit anderen Geräten und Menschen kommunizieren. Die wiederum werden künftig Smartphone, Tablet und Datenbrille selbstverständlich als Werkzeuge nutzen – egal ob in der Produktion oder am Schreibtisch.

So gesehen sitzt Professor Dr. Thomas Haipeter in einem bald schon nostalgischen Büro. Den Soziologen und seine Kollegin Dr. Tabea Bromberg beschäftigt, wie die Arbeit in Betrieben organisiert und gestaltet werden muss, sollte der Siegeszug der Algorithmen fortschreiten: Welche Qualifikationen müssen die Beschäftigten haben, was bedeutet das für ihre Bezahlung, wie flexibel dürfen Arbeitszeiten sein, und was muss sich am Gesundheitsschutz tun?

Wenn die digitale Revolution nicht zuvor Millionen Jobs frisst: Angeblich ist nämlich jeder zweite Beruf in Gefahr; selbst die Mittelschicht droht auszusterben, weil der Roboter eben nicht nur Kumpel, sondern auch Konkurrent ist und höherwertige Tätigkeiten so vereinfacht, dass eine Hilfskraft sie versteht.

Haipeter und Bromberg, beide forschen am Institut Arbeit und Qualifikation (IAQ), kennen solche Prognosen – und mahnen zur Vorsicht. „Es ist völlig ungewiss, welche Effekte die Digitalisierung haben wird. Es gibt auch Studien, die sagen neue Arbeitsplätze vorher. Etwa in der IT-Sicherheit und Datenanalyse, bei der Wartung von Maschinen. Möglich ist, dass Firmen ihre ins Ausland verlagerte Produktion zurückholen“, sagt Thomas Haipeter. „Zurzeit weiß niemand, wie viel Automatisierung tatsächlich umgesetzt wird, ob Qualifikationen wirklich entwertet werden oder das Ende der Einfacharbeit bevorsteht. Es kann für ein Unternehmen unter Umständen teurer sein, in Roboter als in Menschen zu investieren.“

Andererseits: Dass Berufe wegfallen und neue entstehen, hat es schon immer gegeben. Natürlich ist der Frisör nicht so sehr von der Digitalisierung betroffen wie etwa der Zahntechniker, den – vermutlich – bald der 3D-Drucker ersetzt. Oder die Kaufleute: Ihnen nimmt die automatische Auftragsabwicklung Aufgaben weg; dafür könnten sie andere übernehmen.

Der klassische Büroangestellte hat ausgedient

Gerade in der Logistik, in Banken, der IT-Branche und überhaupt im Dienstleis­tungsbereich, wo über 70 Prozent der Erwerbstätigen arbeiten, ist der Umbruch groß. „Abläufe und der Informationsfluss im Unternehmen ändern sich; Daten haben andere Qualitäten. Das bietet auch Chancen, denn neue Geschäftsmodelle wie beispiels­weise Kommunikations- und Kollaborationsplattformen entstehen – und bringen neue Kunden“, sagt Tabea Bromberg.

Den klassischen Büroangestellten an seinem Einzelarbeitsplatz wird es so nicht mehr geben, ist die Forscherin sicher. Weil sich alles vernetzt, werde das problemorientierte und interdisziplinäre Arbeiten wichtiger. Ob sich in Betrieben die Schwarmorga­nisation statt hierarchischer Strukturen durchsetze, sei hingegen offen.

Was die Beschäftigten von morgen und übermorgen mitbringen müssen? Alles das, was schon heute gefragt ist: Teamorientierung, kommunikative, Sprach- und IT-Kompetenzen sowie Flexibilität – auch zeitlich. Es wird normal sein, immer Personal verfügbar zu haben, sei es für die Wartung der Maschine oder für den Geschäftspartner im fernen Ausland. Das muss organisiert, aber genauso begrenzt werden. Sprich: Das jetzige Arbeitsrecht benötigt ein Update.

Big Data oder schon Big Brother? Wo alles digital und vernetzt ist, drohen die Beschäftigen gläsern zu werden. Man kann jeden orten und nachhalten, wie gut und wie schnell er oder sie die Aufgaben erledigt. „Dass man mit technischen Mitteln Leistung kontrollieren und Verhalten überwachen kann, war schon bei der Einführung der Bildschirmarbeit in den 1980ern ein Thema. Damals ist rechtlich viel passiert, und ich bin überzeugt, dass das jetzt wieder geschieht“, so Haipeter.

Wie wirken sich Datenbrillen auf den Körper aus?

Auch das stimmt: Assistenzsysteme und Roboter entlasten. Sie nehmen dem Menschen anstrengende, monotone oder gefährliche Tätigkeiten ab, bringen also ergonomische Verbesserungen. „Andererseits“, gibt der Soziologe zu bedenken, „ist noch nicht erforscht, wie sich beispielsweise das Arbeiten mit Datenbrille auf die Gesundheit auswirkt.“

Sorgen müsse einen die vierte Revolution (nach Dampfmaschine, Fließband und Computer) nicht. Gesellschaften veränderten sich nun mal dynamisch, deshalb sehen die IAQ-Fachleute keinen Grund, die Zukunft schwarz zu malen.

„Die Digitalisierung bietet viele Chancen; man muss schauen, dass der Arbeitnehmer dabei nicht vergessen wird“, findet Bromberg, während ihrem Kollegen etwas zu viel Wirbel gemacht wird: „Natürlich beeinflusst Technologie unser Berufsleben. Aber sie ist eben nur ein Faktor von vielen. Mir fällt einiges ein, dass mindestens gleichbedeutend ist: Globa­lisierung, Auslagerung, Arbeitsmarktreformen, demografischer Wandel...“

Arbeit 4.0 kommt, wie auch immer. Momentan ist die angekündigte Revolution mehr ein Leitbild – ausgerufen, um Deutschland europaweit zur digitalen Nummer eins zu machen. „Von der Vernetzung und Selbststeuerung, von der überall die Rede ist, sind wir noch weit entfernt“, betont Haipeter.

Was auch für seinen Job gilt. Nicht dass der 49-jährige Professor interaktive Tische und Wände vermissen würde. „Mein Büro, sagt die 40-jährige Kollegin, „sieht übrigens genauso aus wie seins.“

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