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© UDE / Frank Preuß

Glitzernde Baseballschläger

Karin Brosa macht keine Kunst fürs Wohnzimmer.

von Katrin Koster | 14.12.2016 | Report|C:R-3-2016

Kreativität braucht nackte Wände, zumindest manchmal. So wie in der Werkstatt für Druckgrafik in Essen. Der lichtgetränkte Raum riecht nach Waschbenzin und Terpentin; auf Drahtgeflechten trocknen Linoldrucke. Einige der mannshohen Pressen sind über 100 Jahre alt. Es ist das Reich von Karin Brosa, die uns hier in die Welt der Kunst entführt.

Zweimal pro Woche unterrichtet sie angehende Lehrer/innen, die einen Druckgrafikschein machen. Zeigt, wie Siebdrucke oder Radierungen entstehen. Im Juni hat die 38-Jährige die Leitung der Werkstatt übernommen. Eine Vollzeitstelle, nachdem sie viereinhalb Jahre freischaffende Künstlerin war. Kann man von Kunst leben? „Schon, aber sparsam. Meine Arbeiten werden in unregelmäßigen Abständen gekauft.“

Ihre Werke genießt man nicht zum Dessert, sie sind kein Schokomousse, eher scharfe Kost: Auf einem latscht ein Mädchen im roten Kleid über böse grinsende Gartenzwerge – made in China –, schwingt dabei einen Baseballschläger mit pinken Glitzersternen. „Hold on little Girl“ nennt die Malerin ihr Bild. Scheinbar Vertrautes wird verwoben mit einer Kritik, der man sich nicht entziehen kann. „Ich mache keine Wohnzimmer-Kunst“, sagt sie selbstbewusst.

Tierhaltung, Umweltschutz, Verpackungsmüll – es ist wohltuend, diese gewichtigen Themen in einem anderen Rahmen zu sehen. Museen, Galerien, Banken, Privatleute, sie würdigen den mutigen Blick und hängen die mitunter über zwei Meter großen Acryl- oder Ölbilder auf. Kleiner und zarter sind die farbigen Radierungen. Brosas Ideen reifen, werden zuerst in einem Büchlein festgehalten. „Ich lese viel und verflechte meine Eindrücke. Viele Beobachtungen haben einen absurden Charakter.“

Manches braucht Zeit, so wie ihr beruflicher Weg. Horizonterweiternd war das Pharmazie-Studium in Freiburg. Danach arbeitete sie einige Jahre als Apothekerin in Berlin, doch der Job war kein Traum. Schon als Kind hatte sie gern gemalt, ging nach dem Acht-Stunden-Tag noch zum Aktzeichnen. Mit 27 widmete sie sich endlich dem, was sie liebt, und studierte Freie Graphik in Stuttgart.

Ein Semester ging es nach Mailand, und nach dem Diplom wurde sie Stadtmalerin in Gaildorf, einem Städtchen nordöstlich von Stuttgart. Dort wohnte sie im Schlossturm, konnte ein ganzes Jahr ihre Kunst leben. Beeinflusst von der politischen Malerin und Professorin Cordula Güdemann ebenso wie von Goyas Radierungen.

Mit solch außergewöhnlichen Erfahrungen inspiriert Brosa nun ihre Studierenden. „Ich genieße es, sie zu Experimenten anzustiften. Bei mir dürfen sie Sachen auch mal nicht richtig machen.“ Also neue Formen wagen: wie einen digitalen Ausdruck, der von einer Radierung geprägt wird. Im Mai sind einige Arbeiten bei der Resultate-Ausstellung an der UDE zu sehen.

Die Werkstatt wird bald neu gestaltet. Noch erzählen die verschrammten Arbeitsplatten von ungezählten Schaffensphasen. Brosa verhilft anderen zu kleinen Serien, begleitet Bachelor- und Masterarbeiten, freut sich über „ganz andere Gedankengänge“ in ihren Kursen. Um selbst kreativ zu sein, braucht sie Ruhe. Und die hat sie meist abends, bei Spaziergängen mit Hündin Lola oder im eigenen Atelier, wo sich die Wände langsam mit Farbspritzern und neuen Arbeiten füllen.

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