Prof. Dr. Susanne Pickel

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Professur für Politikwissenschaft mit dem Schwerpunkt Vergleichende Politikwissenschaft

Seminar mit Exkursion nach Cluj

Einmal Cluj hin und zurück - Bericht einer Reise ins Unbekannte

von Steffen Schulze

In jenem Moment, in dem uns der Kapitän darauf hinweist, dass wir die Gurte lösen können, ich die Zeitung wieder zusammenfalte und mich von meinem freundlich, vom Flug allerdings noch etwas zerknautscht aussehenden Sitznachbarn verabschiede; in jenem Moment beginne ich zu verstehen: Wir sind angekommen. In Cluj. Ich ziehe gerade meinen viel zu großen Koffer aus der viel zu kleinen Gepäckablage, als mein Sitznachbar, Ende fünfzig, dunkelblaues Sakko, grauer Hut und mit großväterlicher Ausstrahlung, noch einmal mit schnellen Schritten durch das Flugzeug auf mich zugelaufen kommt. Ich solle Rumänien eine Chance geben, nicht alles sei perfekt, doch nach meiner Woche in Cluj werde ich anders auf das Land blicken, sagte er mit leiser Stimme zu mir. Rumänien ziehe einen in seinen Bann; und Cluj ganz besonders – bei ihm, das verriet er mir mit einem Augenzwinkern, kurz bevor er sich verabschiedet, sei es die Liebe gewesen. Was für eine Geschichte denke ich, als ich mich mit meinen Kommilitonen langsam auf den Weg zur Passkontrolle mache.

Der erste Eindruck: Nett hier, erinnert aber ein bisschen – zumindest in diesem Teil – an den Charme eines alten Militärflughafens. Nachdem uns der freundlich guckende Polizist an der Passkontrolle einen schönen Aufenthalt wünschte, finden wir uns plötzlich vor dem Hauptgebäude des Flughafens wieder. Vor uns mehrere leicht missmutig dreinschauende Taxifahrer und dahinter drei Wohnhaussiedlungen, deren beste Jahre vermutlich schon lange hinter ihnen liegen. Es dominiert grau in grau. Klassische Flughafen-Tristesse. Wo es denn hingehen solle, fragt einer der Taxifahrer mit lauter Stimme. Zum Unirii-Square antworten wir und sitzen auch schon auf der Rücksitzbank in dem überhitzten Taxi aus dessen Lautsprechern uns lauter, schriller Disko-Trance anschreit. Die Fahrt ins Stadtzentrum fühlt sich an wie eine kleine Reise durch die rumänische Gesellschaft mit all ihren Hochs und Tiefs. Zeitgeschichte zum Anfassen. Vorbei an Industrieanlagen und heruntergewirtschafteten Plattenbausiedlungen; doch plötzlich, wie aus dem Nichts, verändert sich auf einmal das Stadtbild. Waren es eben noch graue Betonwände aus den frühen 70er Jahren, sind es nun kleine, liebevoll sanierte Altstadtfassaden, die den Reisenden auf seinem Weg ins Herz der Stadt begleiten. Während die Häuser an uns vorbeifliegen, beginne ich langsam zu begreifen, was mein Sitznachbar kurz nach Abflug in Dortmund meinte, als er mit einem Schnaps in der Hand zu mir sagte, dass Cluj im übertragenen Sinne eine Insel sei – fast zu schön, um wahr zu sein, fügte er mit schelmischem Grinsen hinzu.  Ankunft am Unirii-Square auf dem die mächtig aussehende St. Michaels Church thront. Der Eindruck: Der Mann aus dem Flugzeug hatte Recht: Fast zu schön, um wahr zu sein. Wir sind begeistert. Cluj, eine quirlige Studentenhochburg mit vielen Cafés, kleinen Restaurants und einer jungen Kreativszene.


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Kurz nachdem uns Andra, unsere Vermieterin für die kommenden sieben Tage, die Schlüssel für unsere Ferienwohnung überreicht hat, ging es auch schon weiter zum politikwissenschaftlichen Institut der Babeș-Bolyai-Universität, wo uns Gabriel Badescu, Mitte vierzig, Professor für Vergleichende Politikwissenschaft und Leiter des Instituts, mit freundlicher Stimme erwartete. Nach ein paar Sätzen zur Begrüßung stimmt uns Gabriel auf das ein, was in den nächsten Tagen noch vor uns liegen wird. Wir lernen: Rumänien ist ein Land mitten im Aufbruch, zum Teil voller Widersprüche und regionaler Unterschiede. Während einige Regionen schon den Sprung in die digitale Moderne geschafft haben, hinken andere vor allem eher ländlich geprägte Landstriche mit hoher Arbeitslosigkeit und strukturellen Schwierigkeiten noch weit hinterher. Diese Entwicklung aus wissenschaftlicher Perspektive begleiten zu können, sei vermutlich das spannendste, was einem passieren könne, sagt Gabriel mit leicht nachdenklicher Stimme und beendet seinen Einführungsvortrag zum Abschluss mit einem Faktenrundumschlag zu Cluj und Rumänien. Danach verließen wir das von außen eher schlichte, nicht unbedingt pompös aussehende Institutsgebäude, das vormals ein Hotel behebergteund machten uns langsam, entspannten Schrittes auf den Weg zum Abendessen.

Tag zwei. Unser zweiter Tag in Cluj beginnt am frühen Vormittag mit einer Exkursion nach Turda und von dort aus weiter in Richtung Sighisoara, der Ort, der vermutlich bei keiner Rumänien Rundreise fehlen darf. Ist doch hier, so besagt es zumindest die Legende, Dracula geboren worden. Nachdem wir also die Leihwagen vom Flughafen abgeholt hatten, ging es auch schon los zum ersten Ziel des Tages, der alten, bereits von den Römern angelegten Salzmine in Turda. Bei grauem Himmel und leichtem Nieselregen schlängelte sich unsere Leihwagen-Kolonne mühsam die vielen langgezogenen Serpentinen hinauf, die auf dem Weg nach Turda auf uns warteten. Vorbei an kleinen Orten und mitten durch das rumänische Niemandsland, das sich zumindest an diesem tristen Novembersamstag mit seiner Farbenpracht eher bedeckt hielt. Nach einer scharfen Rechtskurve bog unser Auto schließlich auf den  Besucherparkplatz. Wir waren da. Im Eingangsbereich des Salzbergwerks angekommen, empfing uns sofort ein Luftgemisch aus Salz und Chlor, das mich in den ersten Minuten vermutlich unbeabsichtigterweise ein bisschen benebelte. 

Das Bergwerk in Turda ist eines der ältesten und wahrscheinlich bekanntesten Salzbergwerke in ganz Siebenbürgen – und ein Touristenmagnet, wie mir die freundliche Frau am Empfang verrät. Bereits von den Römern errichtet, kam der Salzabbau Anfang der dreißiger Jahre nahezu vollständig zum Erliegen. Es habe sich wirtschaftlich einfach nicht mehr rentiert, wie ich zufällig von einem Touristen-Guide erfahre. Im Zweiten Weltkrieg diente der Stollen dann zunächst als Luftschutzbunker und führte bis 1992 – in seinem zweiten Leben – eine zivile Existenz als Käselager. Kurios, denke ich. Doch an Kuriositäten hat die alte Salzmine noch einiges mehr zu bieten, wenn man sich die langen Stollen weiter hinunter traut. Dort offenbart sich vor dem Betrachter eine auf den ersten Blick eigentümlich Mischung aus Museum und Freizeitpark. Nach einer Partie Tischtennis und Minigolf inmitten einer unwirklich anmutenden Kulisse machten wir uns mit dem Fahrstuhl, noch immer ein wenig verdutzt wieder auf den Weg ans Tageslicht. Die Salzmine, sie ließ mich leicht irritiert wieder auf dem Besucherparkplatz ankommen.  

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Nach einer kurzen Verschnaufpause, die Sonne hatte sich inzwischen ihren Weg durch die Wolkenberge erkämpft, ging es wenig später vorbei an entlegenen Ortschaften weiter Richtung Sighisoara, dem einst deutschen Schäßburg. Über die Jahrhunderte hat die Stadt, mit Ausnahme einzelner Episoden, ihren multikulturellen Charakter weitgehend bewahren können. Zu erkennen vor allem an den dreisprachigen Hinweistafeln, die den Betrachter auf Rumänisch, Ungarisch und Deutsch begrüßen. Vom Parkplatz aus machen wir uns auf den Weg zum Stadtzentrum, das von der UNESCO Anfang der 1990er Jahre zum Weltkulturerbe ernannt worden ist. Pittoreske Häuserfassaden säumen den Weg hinauf zum Schulberg, auf dem das Josef-Haltrich-Lyzeum, ein deutschsprachiges Gymnasium, über der Stadt thront. In vielen Reiseführern erfährt man vor allem aufgrund einer Person etwas über Sigishoara: Dracula. Dieser soll nach der Überlieferung, wenn man den Legenden Glauben schenken mag, hier geboren worden sein. Der einst geplante Dracula-Freizeitpark wurde im Übrigen nach vehementen Protesten zunächst auf Eis gelegt. Gut, denke ich, noch ein bisschen unter dem Eindruck des Freizeitparks in Turda. Nachdem wir das Gesehene bei einem Stück Kuchen in der örtlichen Bäckerei noch einmal Revue passieren lassen, machen wir uns wieder auf den Weg zurück nach Cluj, um dort den Tag in einem traditionellen rumänischen Restaurant ausklingen zu lassen.

Tag drei. Am dritten Tag ging es nach Sibiu und von dort aus weiter Richtung Alba Iulia, wo sich die Rumänen Siebenbürgens nach dem ersten Weltkrieg für den Anschluss an Rumänien entschieden. Doch bevor es überhaupt losgehen konnte, mussten wir das Auto zunächst von einer mehrere Zentimeter dicken Schneedecke befreien. Über Nacht hatte es unerwarteterweise so stark geschneit, dass ganz Cluj wie in Watte gehüllt unter einer weißen Schneedecke lag. Doch kurz nachdem wir die Ortsgrenze von Cluj passiert hatten, ließ der Schnee auf einmal nach. Bei frostigen Temperaturen kamen wir schließlich nach einer gefühlt mehrstündigen Fahrt mitten durch das Zentrum Rumäniens in Sibiu, dem einst deutschen Hermannstadt, an. Während der Fahrt klangen mir noch die Worte von Gabriel nach, der bei seinem Eröffnungsvortrag davon sprach, dass einige rumänische Städte über die Tatsache hinwegtäuschen könnten, dass viele, insbesondere kleine, entlegene Ortschaften noch immer mit massiver Armut zu kämpfen haben. Um Rumänien aus sozialwissenschaftlicher Perspektive verstehen zu wollen, dürfe man folglich nicht dem Trugschluss erliegen, sich nur auf die Städte zu konzentrieren. Doch gerade die Mischung aus Armut auf der einen und wachsendem Wohlstand einer immer breiter werdenden urbanen Mittelschicht auf der anderen Seiten lässt einen als Besucher manches Mal mit einem flauen Gefühl zurück. In Sibiu angekommen, machten wir uns, vorbei an liebevoll dekorierten Jugendstilfassaden, entlang der Fußgängerzone direkt auf den Weg ins historische Stadtzentrum. Dort angekommen, erkundeten wir zunächst die Stadtpfarrkirche, von dessen Kirchturm aus, man langsam zu verstehen beginnt, warum Sibiu einst das politische und religiöse Zentrum Siebenbürgens gewesen ist. Weit bis zum Rand des Talkessels, in dessen Mitte das einstige Hermannstadt liegt, erstreckt sich das Stadtbild. Der erste Eindruck: Nett hier, wir sind beeindruckt. Nach einem kurzen Abstecher in eines der vielen kleinen Cafés, ging es auch schon wieder zurück nach Cluj, um jedoch auf halber Strecke noch einmal in Alba Iulia vorbeizuschauen. Der Ort, an dem mit dem Ende des ersten Weltkriegs ein neues Kapitel in der rumänischen Geschichte eingeläutet worden ist. Bei stürmischem Wind und Temperaturen um den Gefrierpunkt ging es wieder zurück nach Cluj. Wenn du besser verstehen möchtest, warum Cluj als offene, junge Stadt gilt, sagte mir ein Student, Anfang zwanzig, mit schwerem Akzent, der uns zufällig am ersten Tag unserer Reise begegnet ist, dann erkunde das Nachtleben und lasse dich treiben. Du wirst merken, meinte er mit leicht ironischem Unterton, Cluj hinkt der Barszene europäischer Trendmetropolen keinesfalls hinterher. Je länger der Abend dauerte, umso mehr musste ich mich an diese Worte zurückerinnern. Wenngleich es verfrüht sein mag, ein Fazit zu ziehen, so muss ich doch festhalten: Cluj ist nicht nur eine junge, sondern auch eine ausgesprochen liberale und offene Stadt, die auf der Suche nach sich selbst, das anders-denken feiert. Sympathisch. Mit diesen leicht pathetisch klingenden Gedanken mache ich mich langsam auf den Weg ins Bett. Schön war´s bisher.

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Tag vier. Auch der Montag verging mit einem kleinen Erkundungstrip durch das alte Zentrum von Cluj, wie im Flug. In Erinnerung geblieben ist mir vor allem ein älteres Ehepaar aus Deutschland, mit denen ich zufällig ins Gespräch gekommen bin. Er, Anfang 60, freundliches offenes Gesicht mit grauer Hornbrille, Steppjacke und einem lässig um den Hals geschwungenen Schal und sie, seine Frau, ebenfalls Anfang 60, ebenfalls im elegant-sportiven Look. Was sie hier nach Cluj geführt habe, frage ich die zwei. Die Lust, Neues zu entdecken und den Wandel, den diese junge Stadt in den letzten Jahren erfährt, weiter zu beobachten, kommt es aus ihm förmlich pistolenartig herausgeschossen. Während seiner Berufszeit, habe er das Osteuropa-Geschäft mehrerer deutscher Unternehmen als selbstständiger Berater betreut und dabei gerade in den letzten Jahren gemerkt, wie die jungen Leute darauf drängen, kritische Fragen zu stellen und sich nicht mehr mit Standard-Antworten abspeisen lassen. Dieser frische Wind, der durch viele Länder Osteuropas wehe, habe ihn seit jeher tief fasziniert. So entstand die Idee für eine Rundreise durch Rumänien und die angrenzenden Nachbarländer. Cluj stand auf seiner Liste ganz weit oben. Seine Frau interessiere sich als gelernte Politikwissenschaftlerin vor allem für die noch immer offen klaffenden gesellschaftlichen Probleme, die typisch für eine Gesellschaft im Aufbruch seien – Cluj vereine all diese Widersprüche ziemlich beispielhaft, fügt sie hinzu. Moderne Bürogebäude auf der einen und Prekarisierung an den Stadträndern auf der anderen Seite. Wow, was für eine Begegnung. Ich verabschiede mich und mache mich schnellen Schrittes wieder zurück auf den Weg zur Wohnung. Am Nachmittag steht noch eine Vorlesung von Gabriel im Institutsgebäude auf dem Programm. Wir sprechen über Statistiken und über Zufallsstichproben. Die Frage dahinter: Wie konnte es sein, dass trotz aller Meinungs- und Wahlumfragen Donald Trump auf den letzten Metern doch noch an Hillary Clinton vorbeizog? Haben sich die Experten etwa getäuscht? Die eindeutig uneindeutige Antwort: Ja, das haben sie, aber nicht so gravierend, dass man nun den Methodenkoffer der Politik- und Wahlforschung einer Generalüberholung unterziehen müsse. Vielmehr seien methodische Fehler begangen worden; und zwar – an diesem Punkt schließt sich nun der Kreis – bei der Auswahl der Stichprobe. Was das letztlich für die Wahlforschung bedeute, müsse man abwarten. An Cambridge-Analytika mit ihrem Ansatz des individuellen, psychosozialen Mikrotargeting war zu diesem Zeitpunkt noch nicht zu denken. Schade, wäre vermutlich eine spannende Frage gewesen, denke ich im Nachhinein. Der Tag endet, wie er begann, mit einem langen Spaziergang durch die Stadt.

Tag fünf. Pünktlich um 10 Uhr betrat Bogdan Radu, Research Assistent an der Babeș-Bolyai-Universität mit schnellen Schritten den Seminarraum, um mit uns über das langsam gewachsene Demokratieverständnis im postkommunistischen Raum zu diskutieren. Die wichtigste Erkenntnis vorweg: Demokratie ist kein statisches Gebilde, das erleben wir dieser Tage immer häufiger, und schon gar kein abgeschlossener Prozess. Die Demokratie ist vielmehr einem stetigen Wandel unterworfen; der Transformationsprozess, den wir in allen postkommunistischen Ländern erleben, nimmt jedoch stets länderspezifische Verläufe an. Das, was empirisch für Rumänien gilt, muss daher längst keine Gültigkeit für Ungarn haben. Was man aus politikwissenschaftlicher Sicht im Rückblick jedoch gut erkennen kann, sind Zyklen und Trends, die bis zu einem gewissen Grad ähnlichen Mustern folgen. Staatlicher Unterdrückung und Repression folge meistens eine Phase des Aufbegehrens, getragen von dem Streben den Status Quo radikal zu verändern. Stillstand solle neuen gesellschaftlichen Ziel- und Wertvorstellungen weichen. Wie wahr, denke ich mir und gehe im Kopf die politische Landschaft in Europa durch. Nach einer kurzen Diskussion steht auch schon der nächste Tagespunkt auf dem Programm. Ein Treffen mit Adrian Dohotaru, Politaktivist und Vorreiter einer neuen grünen Bewegung. Er erwartete uns bereits in einem Cafe und berichtete frei von seinen Erlebnissen im Haifischbecken der Politik. Adrian Dohotaru ist ein Mann mit - so wirkt es jedenfalls je länger man ihm zuhört – unerschütterlichen Idealen, der sich für ein Umdenken einsetzt und festgefahrene Strukturen mit unkonventionellen Mitteln aufbrechen möchte. Doch wenn man genau hinhört, erkennt man zwischen den Zeilen auch den einen oder anderen Zweifel, der ihn manchmal, vielleicht zu seinem eigenen Erstaunen, überfällt.

​Tag sechs. Auch der Mittwoch stand ganz im Zeichen einer Frage: Wie hängen politische Kultur und die Stabilität eines politischen Systems zusammen? Oder genauer gesagt, welche Rückschlüsse lassen sich aus der politischen Kultur eines Landes für gesellschaftlichen Wandel ziehen? Bogdan Radu und Levente Salat gingen mit ihren Vorträgen genau auf diese Frage ein, indem sie unterschiedliche Gesellschaftstypen mit den ihnen eigenen Charakteristika vorstellten. Die Qualität einer Demokratie – das wurde in beiden Vorträgen deutlich – hängt ganz entscheidend von der politischen Kultur, verstanden als ein Set von gesellschaftlich geteilten Wertvorstellungen und Idealen ab. So könne man etwa empirisch zeigen, dass die Fähigkeit kulturelle oder ethnische Unterschiede auszublenden, im hohen Maße mit positiven Einstellungen zu individuellen Freiheitsdimensionen korreliere. 

Tag sieben. Nach einer viel zu kurzen Nacht stand auch schon unser letzter Tag in Cluj vor der Tür. Den Schlussakkord eröffnete noch einmal Gabriel mit einem kurzen Impulsvortrag zum Thema „Structural problems in the functioning of liberal democracy“. Nach der anschließenden Diskussion hatten wir Zeit, die Stadt noch einmal auf eigene Faust zu erkunden. Bei strahlendem Sonnenschein und wolkenlosem Himmel nutzten wir die Gelegenheit für eine historische Stadtführung und wandelten auf den Spuren längst vergangener Tage durch die Altstadt. Romana, die schon mit einer Stadtkarte in der Hand am vereinbarten Treffpunkt auf uns wartete, war unser Guide. Mit freundlicher Stimme und wortgewaltiger Ausdrucksweise lotste sie uns durch die verwinkelten Gassen der Altstadt. Den offiziellen Abschluss markierte dann ein gemeinsames Abendessen ein bisschen weiter außerhalb der Stadt in einem traditionell rumänischen Restaurant, bei dem wir  - vermutlich eher unbeabsichtigt – Teil eines großen Familiengeburtstages wurden. Müde und erschöpft von den Erlebnissen der Woche ließ ich mich am Abend in mein Bett fallen. 

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​​Schließlich sollte am nächsten Morgen der Wecker schon wieder um kurz nach vier klingeln. Aufstehen, duschen, frühstücken und zurück Richtung Flughafen. Noch einmal vorbei an all den malerischen Häuserfassenden, den Bürogebäuden und den von der Zeit gezeichneten Plattenbausiedlungen. Am Flughafen selbst herrschte geschäftiges Treiben, eine lange Schlange am Check-In Schalter wartete schon auf uns.  Zeit genug das Erlebte noch einmal Revue passieren zu lassen. Was ist mir in Erinnerung geblieben? Was hat mich überrascht – und was hat die Fahrt mit meinen Vorurteilen angestellt? Sofort schießt mir das Gespräch mit meinem Sitznachbarn vom Hinflug durch den Kopf. Er hatte Recht. Cluj ist tatsächlich eine unglaublich schöne Stadt, der man gerade dabei zusehen kann, wie sie sich auf den Weg in ihre eigene Zukunft macht. Hin und hergerissen zwischen der eigenen Geschichte und der Aufbruchsstimmung, getragen von jungen Leuten, die etwas bewegen möchten. Das klingt natürlich alles ein bisschen pathetisch. Und klar, natürlich darf man nicht die Augen davor verschließen, dass die soziale Spaltung wie in vielen europäischen Gesellschaften immer weiter zunimmt. Cluj, auch das habe ich während unserer Fahrt erlebt, ist zwar keine Insel im wörtlichen Sinne, aber doch ein Ort, an dem man mit Leichtigkeit über die großen gesellschaftlichen Probleme hinwegsehen könnte. Cluj, das steht nicht für ganz Rumänien. In Erinnerung, so denke ich, als ich mich immer weiter zum Check-In Schalter durchschlage, werden mir vor allem die vielen kleinen Augenblicke und zufälligen Begegnungen bleiben. Es war eine schöne, spannende und manchmal zum Schreien komische Woche, die mich – auch das gehört dazu – nichtsdestotrotz so manches Mal auch ein bisschen ratlos, angesichts der vielen Gegensätze, zurück ließ. Pünktlich um 7:45 Uhr hebt unser Flieger ab. Ein letztes Mal fällt mein Blick auf das historische Stadtzentrum. Wir sehen uns wieder, Cluj! Es war schön mit dir.