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UDE-Stellungnahme

Was wird an Graumullen erforscht?

  • von Beate Kostka
  • 16.01.2018

Seit 24 Jahren werden im Fachgebiet Zoologie der Universität Duisburg-Essen (UDE) Graumulle gehalten und gezüchtet. Und das mit großem Erfolg: Aus den wenigen Tieren der Anfangszeit entwickelte sich bis heute eine quicklebendige Gruppe von mehr als 400 Individuen. Deshalb werden auch seit vielen Jahren keine zusätzlichen Tiere mehr aus der freien Wildbahn benötigt.

Graumulle leben üblicherweise in der südlichen Sahara, wo sie sich mit ihren langen Schneidezähnen unterirdische Tunnelsysteme graben. Obwohl bei ihnen Schwanz, Ohren und Augen zurückgebildet sind, können sie gut Vibrationen und Laute wahrnehmen. Sie ernähren sich hauptsächlich von unterirdischen Wurzelknollen; manchmal auch von Regenwürmern oder Käferlarven. An die Erdoberfläche kommen sie nur, wenn Nistmaterial oder Samen und Blätter benötigt werden. Weil die Tragzeit drei Monate beträgt, können Graumulle bis zu drei Mal im Jahr zwei bis drei Jungtiere bekommen.

Magnetfeldwahrnehmung, Alters- und Hormonforschung

Die Graumulle sind an der UDE sehr beliebt. Dr. Sabine Begall: „Nicht nur die Forscher, auch unsere Biologiestudierenden kommen gern zu ihnen. Sie können hier z.B. ihr Verhaltensbiologie-Praktikum absolvieren und für ihre Abschlussarbeit forschen.“ Wie sieht das Leben der Graumulle an der Uni aus? So wie das ihrer Artgenossen, nur dass sie in der Regel dabei beobachtet werden.

Denn Graumulle zeigen verschiedene Besonderheiten, die sie für die Säugetierforscher interessant machen: Sie haben ein einmaliges Sozialsystem, einen ausgeprägten Magnetsinn, und sie erreichen ein unerwartet hohes Alter. Die Forscher erkunden deshalb, was die Säugetiere tun und wie sie sich verhalten: Wie verläuft ihr Leben unter Tage? Wie nutzen sie ihre Sinne, um sich zu orientieren oder in der Gruppe zu verständigen?

Geklärt werden sollen so z.B. Fragen zur Magnetfeldwahrnehmung sowie der Alterungs- oder Hormonforschung. Es geht u.a. darum, wie Magnetfelder mit biologischem Geweben zusammenwirken und ob diese möglicherweise Krankheiten verursachen könnten. Man weiß bislang auch noch nicht, wie Säugetierzellen Magnetitkristalle produzieren. Von solchen Forschungen könnten langfristig wir Menschen profitieren, beispielsweise Krebs- und Parkinsonpatienten.

Untersucht wird auch das Schilddrüsenhormonsystem der Graumulle, weil sie hervorragend natürlicherweise mit Werten leben, die einen Menschen krank machen würden. Versteht man die zugrunde liegenden molekularbiologischen Mechanismen und wie sie sich z.B. auf den Stoffwechsel auswirken, lässt dies auch Rückschlüsse auf menschliche Erkrankungen zu. Graumulle sind auch ein hervorragendes Modell dafür, wie man langsam und gesund altert. Zur Klärung der meisten dieser Fragen genügen einfache Verhaltensversuche.

Wann wird körperlich eingegriffen?

Wenn systemische Fragen geklärt werden sollen, etwa zur Wechselwirkung verschiedener Organ-, Sinnes-, und/oder Hormonsysteme, geht es allerdings nicht ohne körperliche Eingriffe. Im Laufe der letzten 24 Jahre wurden an der UDE bei ca. 30 Graumullen die zwei Millimeter großen Augen schmerzfrei entfernt. Anschließend wurden sie wieder zurück in ihre Gruppe gesetzt und nahmen ihren gewohnten Lebensrhythmus sofort wieder auf. „Den Vorwurf, die operierten Tiere würden leiden, können wir nicht bestätigen. Sie wurden bei dem Eingriff betäubt und erhielten über mehrere Tage Schmerzmittel. Anschließend verhielten sie sich wie ihre nicht behandelten Artgenossen“, erklärt Dr. Sabine Begall.

Selbst Experten können nicht auf Anhieb einen Unterschied erkennen, ob ein Graumull operiert wurde oder nicht. Denn Graumulle können grundsätzlich kaum etwas sehen und orientieren sich mit Riechen und Tasten in ihren dauerdunklen Gangsystemen. Die behandelten Tiere wurden genauso alt wie ihre Brüder und Schwestern und bekamen auch Nachwuchs.

Weitere Informationen:
Dr. Sabine Begall, Institut für Zoologie, sabine.begall@uni-due.de

Redaktion: Beate Kostka, Tel. 0203/379-2430, beate.kostka@uni-due.de

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