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Warum spielen Fußballstars nicht für das Land ihres Clubs?

Die Nationalmannschaft – ein sportlicher Schwindel

von Hermann Strasser | 19.06.2018 | Report|C:R-1-2018

Noch heute wird von vielen Politikern und Bürgern geleugnet, dass Deutschland ein Einwanderungsland sei. Von manchen wird die Befürchtung, dass uns eine Flut von fremden Menschen bedrohe, die auch noch hier­blieben, zur Weltuntergangsstimmung hochgeschaukelt.

Dennoch wird nicht nur in Deutschland ein- und ausgewandert, auch auf allen Kanälen und T-Shirts, auf Straßen und in Fabriken sichtbar und hörbar, nicht zuletzt auf dem Fußballplatz. Dort ist aber kaum etwas von Be- oder Entfremdung zu spüren, da wird multikulturell gespielt und getrickst, gefoult und verhandelt, umarmt und die Fahne geschwenkt. Auch bei der WM 2018 sieht man sie wieder: die Nationalflaggen auf Häusern und in den Stadien, auf Straßen und Autos. Für welche Nation? Natürlich für die eigene, zu der man sich deshalb bekennt, weil man mit und in der Nation „bei sich ist“.

Andererseits haben Menschen nicht einen, sondern zwei Mittelpunkte im Leben: das Eigene und das Fremde, das Geheimnisvolle. In diesem Sinne ist arm, wer kein Vaterland hat; ärmer ist aber, wer nur eins hat.

Wer spielt für die Nation?
Nation steht auch für die eigene Geschichte, gegen deren Verlust man sich sperrt, um nicht sich selbst zu verlieren. Wir haben es mit einer Vielheit der Kulturen in der Welt zu tun, und jede Nation schöpft aus ihrer kulturellen Tradition. Diese muss weder der industriegesellschaft­lichen Logik noch dem kulturellen Anpassungsdruck des Fußball-Weltverbandes und der mit ihm verbündeten Sportartikelhersteller entsprechen. Tradition und Vielfalt beflügeln die Kaufräusche der Erstligaclubs in England, Spanien, Italien, Deutschland und vielen anderen Ländern – jedenfalls so lange, wie die jährlichen Neuverpflichtungen, die nicht nur in England bereits eine Milliarde Euro übersteigen, von den TV-Einnahmen gedeckt werden.

Wer spielt eigentlich für die eigene Nation? Klar, „Poldi“ Lukas Podolski und Miroslav Klose sind Deutsche, auch wenn ihnen schon Mitleidstränen kamen, als sie Tore gegen ihr Herkunftsland Polen schossen. So kam Polens bester Mittelfeldspieler, Roger Guerreiro, aus Brasi­lien 2006 zu Legia Warschau und im April 2008 zu einem Pass – ich meine natürlich Reisepass – und gleich ins polnische Nationalteam. Der gebürtige Brasilianer Diego Costa von Atlético Madrid spielt seit 2014 in der spanischen Elf, der frühere deutsche Nationalspieler Roman Neustädter jetzt für Russland; er tauschte nach den Bundesliga-Stationen Mainz, Mönchengladbach und Schalke 2016 die deutsche gegen die russische Staatsbürgerschaft. Die Österreicher verweisen mit Stolz auf ihre Veteranen Vastić, Junuzović und Alaba. Letzteren begrüßte der Tiroler Landeshauptmann Platter in Unkenntnis von dessen Nationalität mit einem kehligen „How do you do?“

Bei der WM in Brasilien schlüpften neben Poldi und Miro noch Sami Khedira, Shkodran Mustafi, Mesut Özil und Jérôme Boateng – alle in Deutschland geboren – ins schwarz-rot-goldene Trikot und machten das deutsche Team bunt. Und die Franzosen? Ohne die sprudelnde Quelle afrikanischer Spieler hätten sie es gar nicht zu dieser und zur letzten WM geschafft.

Es gibt zig Stars, die nicht in der Nationalelf ihres Herkunftslandes stehen. Wir haben es mit einer Art von Entwicklungshilfe zu tun, auch wenn sich die Himmelsrichtungen, aus der sie kommt und wohin sie geht, immer wieder ändern. Die Balltreter werden in diesem „global play“ selbst wie Bälle von einem Land oder Kontinent zum anderen geschossen. Die Frage ist aber, ob die Spielberechtigung, wie sie die UEFA und nationalen Fußballverbände vorsehen, noch zeitgemäß, vor allem sportgerecht ist.

Die Bundesliga als Ausbildungsliga
Vielleicht erinnert man sich noch, als 2008 gleich zwei englische Clubs, nämlich der FC Chelsea und Manchester United, im Finale der Champions League, der höchsten europäischen Spielklasse, standen. Das Lob über das spielerische Niveau der Engländer war kaum noch zu überbieten, aber bei der EM im selben Jahr waren die Three Lions nicht dabei.

In Deutschland wird immer noch darauf geachtet, welche Profis es in die italienische, holländische, tschechische, polnische, türkische oder spanische Nationalmannschaft schaffen; ebenso wie viele Deutsche in italienischen, spanischen oder englischen Erstliga-Clubs kicken. So wird die Bundesliga zur Ausbildungsliga. Ihr Geschäft des modernen Menschenhandels blüht.

Immerhin stammen 15 von 23 Spielern des aktuellen deutschen WM-Kaders aus Bundesliga-Vereinen, während bei den Brasilianern nur drei von 23 aus heimischen Vereinen kommen.

Wie stark ist eine Fußballnation?
Nur wie kann man dauerhaft gute Spieler heranziehen, fragen sich Fans und Funktionäre immer wieder. So wie Sinn Zeit braucht, entstehen auch das spielerische Können und eine Nationalmannschaft nicht von heute auf morgen. Ernsthaft: Macht es da nicht Sinn, für die Nationalelf nur jene Spieler zu rekrutieren, die auch in der jeweiligen Nation und deren Ligen spielen, weil sie dort die Spielweise und die Stärken der Teams bestimmen?

Dem Zuspruch der Fans bei den Vereinen hat das bisher keinen Abbruch getan. Deshalb mein Vorschlag, ab der nächsten WM die Nationalteams nur aus Spielern der jeweiligen Vereine im Land zu rekrutieren – ungeachtet ihrer Staatsangehörigkeit. Warum sollten Cristiano Ronaldo und Lionel Messi nicht für Spanien, Mesut Özil und Ilkay Gündoğan für England, Franck Ribéry und David Alaba für Deutschland, Jonatan Soriano und Amadou Haidara für Österreich spielen? Sie leben und spielen für Clubs dort, das schon seit vielen Jahren, und tragen entscheidend zur jeweiligen Fußballkultur bei.

Dann könnte man sich auch die heuchlerische Debatte um die Fotos von Özil und Gündoğan mit dem türkischen Präsidenten Erdoğan sparen, zumal man seine familiären Wurzeln in der Türkei nicht leugnen muss und doch Deutscher sein kann. Es soll ja Sportgrößen geben, die ihren Wohnsitz oder ihre Bankkonten ins Ausland ver­legen, um Steuern im „Heimatland“ zu umgehen. Müssen Nationalspieler immer gleich zu Vorbildern hochgeschraubt werden?

Stehen Trainer über der Nation?
Bei den Sponsoren bzw. Eigentümern der Vereine und den Nationaltrainern ist das schon längst kein Thema mehr, wenn wir rückblickend etwa an den Griechen Otto Rehhagel, den Polen Leo Beenhakker und den Russen Guus Hiddink denken. Und jetzt ist auch noch ein Deutscher, nämlich Franco Foda, Trainer der österreichischen Elf und fährt sogar einen Sieg gegen die Deutschen ein!

Überhaupt: Gilt der Spruch „Wir sind ein Team“, das die Nation vertritt, für den Trainer und seine Helfer nicht gleichermaßen? Stehen Trainer über der Nation und Spieler darunter, oder was? Die neue Rekrutierungspraxis wäre ehrlicher und würde die tatsächliche Stärke einer Fußballnation widerspiegeln – und nicht die verhinderte oder nur geliehene Stärke.

Und warum sollten Fußballfans, die ihrem multikulturell zusammengesetzten Verein die Daumen halten und zujubeln, das nicht auch bei der Nationalelf tun, wenn in ihr Spieler auftreten, die in der jeweiligen Nation spielen, wo sie die Qualität des Fußballs bestimmen?

Die neue Rekrutierungspraxis bei den Fußballern könnte sogar der Vorstellung vom neuen Europa Auftrieb geben. Das macht ja Europa so interessant – und lebenswert. Auch Fußball hat mit Kultur zu tun, denn Kultur ist Lebensweise. Manche Sportarten gehören zur nationalen Identität und werden zur Projektionsfläche der Sehnsucht eines Landes. Fußball ist nicht nur ein Spiel, das unend­liche Freuden und Leiden spendet, nicht selten Freunde oder Familien ersetzt, versöhnt und entzweit. Eben eine Nation in der Nation.

Geld regiert die Fußballwelt
Nicht zuletzt zeigt der Fall Özil und Gündoğan, dass im Profisport alles mit allem zusammenhängt und dabei Geld, Beziehungen, Marketing und PR eine zentrale Rolle spielen. Schließlich lässt sich mit dem Bildmaterial richtig verdienen. Auch wenn bei den Erst- und Zweitligisten Geld entscheidend ist, ist das bei den Fans im Stadion und vorm Fernseher nicht der Fall.

Die Fußballwelt ist verrückt – verrückt durch Gier, Korruption und mediale Scheinheiligkeit. Fußball ist längst zur Show geworden. Nicht nur, weil auf die Siegerparty der Transferpoker folgt, auch bei Eintracht Frankfurt, und das Wort „unanständig“ für einige Ablösesummen nicht mehr ausreicht – Superstar Neymar soll Real Madrid nun 260 Millionen Euro wert sein. Wenn die reichsten Vereine meistens ganz oben stehen oder die FIFA neue Turniere kreiert, auf dass bei ihr der Rubel rollt, muss man fragen: Wo bleibt da der Sport? Dazu passt, dass die europäische Champions League, das Vorzeigeprodukt für Clubs und Verbände, ab kommender Saison komplett im Bezahlfernsehen verschwindet.

Ist die Nationalelf noch eine Sportgemeinschaft? Nur wenn der Fußball in die Lebenswelt der Zuschauer und Fans eingebettet wird, erzeugt er Sinn. Denn das Publikum macht das Spiel zum Ereignis! Dann kann Gary Lineker wieder skandieren „Fußball ist, wenn am Ende Deutschland gewinnt ...“, und die Österreicher können endlich wieder ihre Pilgerschaft nach Córdoba antreten.

 

Zur Person

Hermann Strasser ist Soziologe und Professor emeritus der UDE. Er ist, so sagt er,  „deutscher Beamter auf Lebenszeit mit österreichischem Pass“ und war Fan von Austria Salzburg und Rapid Wien, später dann vom MSV Duisburg. Bei der WM drückt er den Österreichern beide Daumen, wenn sie denn nur dabei wären.