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Ist das große Glück eine Illusion?

Für immer Dein

  • von Ulrike Bohnsack
  • 13.12.2018

Wir sehnen uns nach der romantischen Liebe, als wäre sie ein Urgefühl. Dabei wurde sie erst vor gut 250 Jahren erfunden.

Die Liebe hat’s leicht. Nichts interessiert uns so sehr wie sie. Songs, Filme, Magazine und Romane handeln von ihr, und auch im Gespräch mit Freunden kann man ihr nicht entkommen. Meist geht’s um das eine: Mr. oder Ms. Perfect finden und zusammen glücklich sein bis ans Lebensende. Selbst in heutigen Zeiten, wo in einer Partnerschaft (fast) alles kann, nichts muss, hält sich das alte Ideal hartnäckig.

Es kann also nur ein Grundbedürfnis sein wie essen und schlafen.

„Die romantische Liebe ist eine Erfindung der Moderne.“ Lächelnd sagt Dr. Elke Reinhardt-Becker diesen Satz, der sehnsüchtige Herzen erschüttern könnte. „Die eine Definition von Liebe gibt es ohnehin nicht. Wenn wir heute von Beziehung sprechen, fallen darunter Liebe, Ehe, Sex, Freundschaft. Das hat man vor dem 18. Jahrhundert so nicht gesehen. Damals heiratete man aus ökonomischen oder politischen Gründen.“

Die Germanistin sagt: „Liebe in der Ehe wurde als christliche Nächstenliebe verstanden: Sie sorgte pflichtgetreu für ihn, er erhielt die Familie wirtschaftlich.“ Sex fiel unter Fortpflanzung, ansonsten war er Sünde. „Jemanden körperlich zu begehren, galt als niederer Trieb.“

Glühende Liebe? Früher hielt man das für ein Strohfeuer
Wohin aber mit der Leidenschaft, die es natürlich auch im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit gab? „Passionierte Liebe fand außerhalb der Ehe statt“, so Reinhardt-Becker. Der Minnesang, mit dem ein Ritter eine unerreichbare adelige Dame anhimmelte, erzählt davon, ebenso das Tagelied, das die Trennung des Liebespaares nach einer gemeinsamen Nacht schildert. „Niemand hätte aber daran gedacht, auf diesem Gefühl eine Ehe aufzubauen, denn der Gegenstand der ritterlichen Minne war meist schon verheiratet, und die Sprecher im Tagelied werteten ihr Erlebnis als Strohfeuer, das schnell wieder erlischt.“

Leidenschaft, Lust und Ehe – erst in der Romantik dachte man das zusammen. Urplötzlich kam der Sinneswandel nicht. Vielmehr begannen im 18. Jahrhundert die gesellschaftlichen Strukturen aufzubrechen. Bis dahin hatte der Stand der Eltern vorgegeben, wer man war und wie das Leben verlaufen würde. „Eine katholische Müllerstochter blieb bei ihresgleichen, und die Dorfgemeinschaft kontrollierte das mit. Als die Religion nach und nach ihre weltdeutende Macht verlor und die Bauernbefreiung und die Verstädterung einsetzten, entstand eine soziale Mobilität. Man musste nicht mehr in dem Stand bleiben, in den man hineingeboren war.“

Mit dem Partner eins werden
So entwickelte sich ein Konzept von Beziehung, das bis heute sentimental verklärt und nahezu unerreichbar ist: Zwei Menschen finden einander und verschmelzen völlig – wobei sie sich in ihren Gefühlen weder von Vernunft noch äußeren Zwängen leiten lassen. Sie sind seelenverwandt, glauben beide an den oder die einzig Wahre/n in ihrem Leben. „Seit der Romantik hat die Liebe eine wichtige Funktion“, bemerkt die Wissenschaftlerin. „Sie konstruiert Individualität. Ich suche mir meinen Partner selbst aus. Und ich fühle mich in ihm bestätigt, weil er oder sie im Denken, Fühlen, Handeln so tickt wie ich.“

Bei diesem Verständnis von Liebe konnte es nicht ewig bleiben. In der Weimarer Republik kühlte es ab; die sachliche Liebe, wie Reinhardt-Becker sie nennt, kam auf. Denn die Emanzipation brachte in den 1920er Jahren die ‚neue Frau’ hervor: selbstbewusst, berufstätig, sportlich, Auto fahrend – so ist sie dem Mann nun Kameradin, Kollegin, bisweilen sogar Konkurrentin.

„Die sachliche Liebe beschreibt in etwa das, was wir heute unter Partnerschaft verstehen“, sagt die 51-Jährige. „Sie ist der absolute Gegenentwurf zum romantischen Modell. Sie ist endlich und nicht zwingend monogam, auch gibt es keine exklusive Zweisamkeit. Man teilt als Paar den Alltag, führt aber noch ein eigenes Leben. Das persönliche Wohlbefinden steht an erster Stelle, was heißen kann: Karriere machen, finanziell unabhängig sein. Wen man zum Partner wählt, kann rational nach Kosten und Nutzen kalkuliert sein. Das widerspricht natürlich dem Ideal, es sei egal, woher jemand kommt und was er ist.“

Tendenz zur konservativen Wende
Heute, stellt Reinhardt-Becker fest, sind die meisten Beziehungen eine Kombination aus romantisch und sachlich, jedenfalls in der westlichen Welt. Dabei hat die Wahlfreiheit weiter zugenommen, denn soziale Normen beeinflussen immer weniger, wer mit wem zusammen ist, ob man treu, promisk, in getrennten Wohnungen oder als Patchworkfamilie lebt.

Obwohl sich die Geschlechterrollen verschieben und wir wie nie zuvor individuell lieben dürfen, sieht Reinhardt-Becker „eine Tendenz zur konservativen Wende, zurück zur puren romantischen Liebe – wahrscheinlich, weil die Lebensläufe dem Einzelnen immer unvorhersehbarer erscheinen.“ Dieser Trend spiegele sich auch in der Populärkultur, etwa in TV-Serien und in der Musik wider: „Oft geht es um die schwierige Suche und – spätestens im Serienfinale – das Finden der romantischen Beziehung. Und im deutschsprachigen Popsong der letzten 20 Jahre wird sie herbeigesehnt und vor allem ihr Scheitern beweint. Die meisten Liebeslieder sind Trennungslieder.“

Illusion?
Das große Glücksstreben hat seinen Preis: Rosen nicht nur zum Valentinstag, Geschenke, die mehr sagen als tausend Worte, Candle-Light-Dinner, Verlobung mit Ring, Traumhochzeiten und Dating-Portale. Der Industrie geht das Herz auf – oder wie Reinhardt-Becker es formuliert: „Die romantische Liebe koppelt sich mit den Prinzipien des Kapitalismus.“

Und mit den Personenprofilen in Datenbanken: Nie war es so leicht, jemanden kennenzulernen, und doch so schwierig. Traf man sich zur Anbahnung früher in bürgerlichen Salons, auf Jahrmärkten und traditionellen Festen, leben wir heute viel anonymer. „Deshalb sind Tinder und Kontaktbörsen so beliebt, sie helfen dem Zufall auf die Sprünge.“

Ist die romantische Liebe womöglich eine Illusion? So weit möchte Reinhardt-Becker nicht gehen: „Sie hat aber einen Absolutheitsanspruch, der sehr anstrengend ist: Der Partner ist dazu bestimmt, einen glücklich zu machen. Deswegen bringt die romantische Liebe so viele Menschen zum Weinen – vor Kummer.“


Zur Person:
Dr. Elke Reinhardt-Becker ist Literaturwissenschaftlerin. Die 51-Jährige erforscht seit 20 Jahren die Liebessemantik in verschiedenen Epochen und Genres. Gerade hat sie bei einem Medizinerkongress referiert. (Titel: ‚Glücksbringer oder Troublemaker’?). Persönlich glaubt sie an die verstehende Liebe: „romantisch, sachlich reflektiert.“

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