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Gesundheitsökonom Karlsson im Gespräch

Schulschließung: Prägend fürs Leben

  • von Ulrike Bohnsack
  • 22.05.2020

Martin Karlsson befasst sich mit den Kosten von Krankheit und den wirtschaftlichen Langzeitfolgen von Kinderarmut – aber auch mit denen von Pandemien. Die Coronakrise wird die Wissenschaft in den kommenden Jahren stark beschäftigen, sagt der Professor für Gesundheitsökonomik. Auch ihn.

Herr Karlsson, Sie sind Schwede und leben in Deutschland. Beide Länder gehen sehr unterschiedlich mit der Corona-Krise um, Schweden vergleichsweise locker. Welchen Weg finden Sie besser?
Da bin ich gespalten – persönlich und als Wissenschaftler. Auch schwedische Kollegen sind sich uneins, ob der schwedische Sonderweg positiver ist für das Bruttoinlandsprodukt, die Arbeitslosenquote und auch langfristig für die Sterblichkeitsrate.

Anfangs war ich skeptisch, ob der Lockdown in Deutschland vernünftig ist, weil er nur auf die Gesundheit abzielte und die wirtschaftlichen und sozialen Konsequenzen nicht berücksichtigt wurden. Ich dachte, das kann nicht verhältnismäßig sein. Die Berechnungen zeigen mittlerweile aber, dass die strengen Maßnahmen gerechtfertigt sein könnten. Wenn das Bruttosozialprodukt in diesem Jahr um 10 Prozent sinkt, ist das womöglich immer noch weniger, als die verhinderten Corona-Todesfälle kosten. Es ist allerdings viel zu früh, ein Fazit zu ziehen – und wir müssen dabei auch beachten, welche Folgen die Maßnahmen für die physische und psychische Gesundheit haben.

Kann man denn ein Menschenleben gegen wirtschaftliche Kosten abwägen?
Das machen politische Entscheidungsträger täglich. Wenn zum Beispiel Regierungen Investitionen zur Sicherheit im Straßenverkehr diskutieren, geht es um genau diese Frage: Wieviel können wir in diesem Bereich ausgeben, um zusätzliche Leben zu retten? Es mag moralisch fragwürdig klingen. Aber es ist  genau die Aufgabe von uns Ökonomen, Methoden für eine sinnvolle Priorisierung zu entwickeln. Das ist in der Coronakrise nicht anders.

Skandinavische Ökonomen vergleichen gerade die Corona-Maßnahmen verschiedener Länder. Sie meinen, Schulschließungen haben schwerwiegende Folgen für das weitere Leben der Kinder. Sie berufen sich dabei auf eine Studie von Ihnen. In welchen Punkten?
Es gibt bisher nur wenige Studien zu den langfristigen Auswirkungen von verlängerter oder verkürzter Unterrichtszeit. In unserer Studie ging es um die Auswirkungen eines verlängerten Schuljahrs, was in Schweden im 20. Jahrhundert gestaffelt umgesetzt wurde. Wir haben herausgefunden, dass sich das längere Lernen sehr positiv auf das spätere Einkommen und die beruflichen Möglichkeiten der Kinder auswirkte. Besonders groß sind die Effekte, wenn die Schulzeiten im Grundschulalter länger sind.

Das heißt umgekehrt: Der jetzige Unterrichtausfall bringt den Kinder im späteren Leben Nachteile?
Ja, das ist nicht unwahrscheinlich. Insbesondere bei den jüngeren Schulkindern gibt es Grund zu befürchten, dass sie in diesem Frühjahr Defizite in der kognitiven Entwicklung aufbauen, die sie später kaum ausgleichen können. Das wird vor allem in bildungsfernen Familien der Fall sein.

Und dieses Problem beschränkt sich nicht auf das Schulalter: Eine einflussreiche deutsche Studie zeigt, dass Kinder aus benachteiligten Familien immens von einem Besuch des Kindergartens profitieren – sowohl in der kognitiven, als auch in der körperlichen Entwicklung. Es stellt sich daher die Frage, ob deutsche Regierungen auf Bundes- und Landesebene die richtigen Prioritäten gesetzt haben. Und wir müssen uns darauf einstellen, dass die Konsequenzen noch sehr lange zu spüren sind.

Wenn über die Folgen von Pandemien wie Corona gesprochen wird, fällt oft das Stichwort Spanische Grippe. Sie haben zu dieser viel geforscht. Lassen sich die beiden Ereignisse vergleichen?
Nein, überhaupt nicht. Die Ausgangslage bei der Spanischen Grippe war eine andere, es war Krieg, die Wirtschaftsstruktur nicht zu vergleichen mit den heutigen Bedingungen. Außerdem starben vor allem junge, gesunde Menschen – mit der Folge, dass viele Kinder Waisen wurden und es immens an Arbeitskräften fehlte. Das ist bei der Corona-Pandemie nicht der Fall.

Was man aber sagen kann: Auch Corona wird sich vermutlich auf die Geburtenzahlen auswirken; insofern sind die Ergebnisse einer meiner Studien zur spanischen Grippe für die heutige Situation relevant.

Inwiefern?
Man weiß aus vielen Studien, dass Pandemien und Naturkatastrophen oft diesen Effekt haben: Erst gehen die Geburtenraten runter, dann gibt es mittelfristig einen kleinen Boom – sozusagen ein Nachholeffekt. Wir haben herausgefunden, dass die Geburtenraten während und nach der Spanischen Grippe auch so verliefen. Langfristig sanken aber die Zahlen drastisch. Die Erklärung ist einfach: Die Pandemie hatte schwerwiegende wirtschaftliche Folgen, und in schlechten Zeiten überlegt man es sich eben besonders gut, eine Familie zu gründen.

Weitere Informationen:
Prof. Dr. Martin Karlsson, Gesundheitsökonomik, Tel. 0201/18 3-3716, martin.karlsson@uni-due.de

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