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Zahra Kohistani
© UDE/Frank Preuß

Zahra Kohistani im Porträt

Wo unterrichten Mut erfordert

  • von Isabelle Sprang
  • 16.12.2020

Zahra Kohistani ist Lehrerin. In Afghanistan brachte sie Mädchen heimlich Mathe bei.

Erst gestern war sie wieder joggen. Das gefällt ihr an Deutschland, dass sie das einfach machen kann. „In Kabul war Joggen zu gefährlich“, ­erzählt Zahra Kohistani in recht flüssigem Deutsch und sucht kurz nach Worten. „Wenn ich in Afghanistan aus dem Haus ging, wusste ich nie, ob ich wieder zurückkomme.“ Und doch ging sie raus? Ja, man müsse doch leben, antwortet sie nüchtern.

Zahlen, Formeln, Heimat

Seit 2013 ist die 52-Jährige mit ihren drei Kindern (13, 16, 19 Jahre) in Deutschland. Zuerst ­in Bayern. Seit 2016 leben sie in Mönchengladbach, nun endlich auch mit ihrem Ehemann. Ihr Blick ist wach – fast wachsam. Wenn sie etwas fasziniert, spricht ihr ganzer Körper. „Ich mag Gleichungen, Zahlen und Formeln.“ Ihre Hände wirbeln durch die Luft. „Mir gefällt alles an ­Mathe.“ Sie strahlt. Schule ist ihr ein Herzensanliegen. In ihrer Heimat unterrichtete Kohis­tani nicht nur leidenschaftlich, sie leitete auch eine öffentliche und eine private Schule. Aber eine Normalität, wie wir sie kennen, gab es für sie nicht.

Spricht sie über ihr Leben in Afghanistan, ­erlischt das Leuchten in ihren dunklen Augen ­nahezu. Man merkt, dass viele Erinnerungen wach werden. Mit fester Stimme sagt sie:
„Seit 42 Jahren ist in meinem Land Krieg.“ ­Dabei ­betont sie die 42 und schaut einen eindringlich an.

Couragiert ohne Burka

Wegen des Krieges kamen viele Menschen in die Hauptstadt Kabul. Eine der Folgen: völlig überfüllte Schulen. Es mangelt an Räumen, Stühlen, Tischen. Daher wird der Schulbetrieb in drei Schichten durchgeführt. Dennoch ­müssen einige Klassen auf Zelte ausweichen, man sitzt am Boden.

Unter dem Taliban-Regime durften Mädchen nicht zur Schule gehen. Heimlich unterrichtete Zahra Kohistani einige Mädchen bei ihnen zu Hause. Nicht täglich, das wäre zu gefährlich ­gewesen. „Die Taliban haben mich bei diesem Unterricht ein Mal erwischt und ausgepeitscht. Ein anderes Mal, weil ich im Bus keine Burka getragen habe, sondern nur einen Schal.“ Ganz ruhig sitzt sie da, nur ihre Augen irren hin und her. „Ich war rebellisch.“

Über ihre Flucht zu sprechen, mache sie „total kaputt“. Sie wolle diesen Teil ihres Lebens vergessen, erzählt sie tonlos. Denn: „Die Flucht war für mich und meine Kinder eine Katastrophe. Sie dauerte zwei, drei Monate … Es war nicht leicht zu fliehen und hier zu landen.“ Ihr Mann, ein Journalist beim afghanischen Fernsehen, konnte aus politischen Gründen nicht mitkommen. Er floh später.

„Ein Geschenk“

Die Anstrengungen der letzten Jahre sind ihr anzumerken. Manchmal überlegt sie lange, ­bevor sie weiterspricht. „Ich höre jeden Abend Nachrichten aus meinem Land. Die Situation ­ist schrecklich. Jeden Tag gibt es Anschläge.“ Bedrückt senkt sie den Blick. „Es ist schwer, das auszuhalten.“ Dennoch: Sie denkt positiv, nimmt ihr Leben in die Hand, packt an, wenn sie gebraucht wird – damals in Bayern, als sie bei der Kleiderkammer des Deutschen Roten Kreuzes aushalf und außerdem als Assistenzlehrerin arbeitete, heute bei ihrem Ehrenamt in der Schule.

Ihr Wille beeindruckt. Zahra Kohistani hat ein Ziel: Sie will unbedingt wieder als Lehrerin arbeiten. Deshalb macht sie mit ihren Kindern Matheaufgaben, studiert Schulbücher, lernt eifrig Fachwörter. Das Programm Lehrkräfte PLUS der UDE sei für sie ein Geschenk, eine Riesen­chance, um in Deutschland unterrichten zu können. Seit diesem August nimmt sie daran teil.

Gibt es Unterschiede zwischen afghanischen und deutschen Schüler*innen? Ein Schmunzeln. „Nein. Viele Kinder haben keine Lust, Mathe zu lernen, das ist in beiden Ländern gleich.“

Unterschiedliche Welten

Für ihre Kinder sei klar, dass Deutschland ihre Heimat sei. Sie möchten ihren Weg hier machen. Nachdenklich erzählt Zahra Kohistani: „Unsere 13-jährige Tochter ist nicht so gut in unserer Sprache; sie kann keine persische Literatur ­lesen. Wir üben mit ihr, auch wenn sie das nicht mag. Sie sagt, ihre erste Sprache sei Deutsch.“

Und was ist ihr Wunsch? „Ich hoffe auf eine gute Zukunft – für meine Kinder und meine künftigen Schüler.“ Nach einer Pause sagt sie leise: „Ich wünsche mir Sicherheit, Zufriedenheit und Frieden.“
 

Lehrkräfte PLUS
Das vom DAAD geförderte Programm rich­tet sich an Geflüchtete, die in ihren Ländern Lehrer*innen für MINT-Fächer waren und einen entsprechenden Studienabschluss haben. Sie werden ein Jahr lang in Vollzeit sprachlich und pädagogisch darauf vorbereitet, an deutschen Schulen zu unterrichten. Zahra Kohistani gehört zum ersten Durchgang, der in diesem Sommer mit 25 Teilnehmenden begann. www.uni-due.de/lehrkraefteplus

Im Video
Sie möchten mehr über das Programm und die Teilnehmenden erfahren? Vier von ihnen stellen sich kurz vor. Die Koordinatorin an der UDE kommt auch zu Wort: udue.de/videolehrkraefteplus

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