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Illustration zum Thema Zeit
© UDE/Julius Klemm

Von 'Carpe diem' zu 'Time is money'

Im Takt der Zeiger

  • von Dr. Wolfgang Treue
  • 19.08.2021

Die Zeit regelt und kontrolliert unser Leben, gibt unseren Tagen eine feste Struktur. Doch war das schon immer so?

„Wer hat an der Uhr gedreht? Ist es wirklich schon so spät?“ – Mit diesem Lied endeten die Folgen der beliebten Fernsehserie „Paulchen Panter“, die ab 1973 durch so manches westdeutsche Wohnzimmer flimmerte. Private Sender und Streamingdienste gab es nicht – kaum vorstellbar für die heutige Generation Z. Das Programm der Öffentlich-Rechtlichen taktete in vielen Familien zumindest Teile des Tagesablaufs. Ein Anruf, etwa während der Tagesschau, wurde – wenn überhaupt –, nur unwillig entgegengenommen und möglichst schnell beendet.

Termine und festgelegte Zeitabläufe hatten natürlich schon seit Jahrhunderten das Leben vieler Menschen geprägt, und vor allem Arbeit und Schule oder Ausbildung strukturiert. Durch Radio und TV hielt das „Diktat der Zeiger“ auch Einzug in die Freizeit.

Nutze den Tag

Im Übrigen entstand erst vor etwa drei Jahrhunderten der Begriff Freizeit im Sinne von ‚über Stunden oder ganze Tage individuell verfügen‘. Zwar gab es Zeiten, in denen nicht gearbeitet wurde oder nicht gearbeitet werden durfte, bereits lange zuvor. Doch stand dabei in der Regel nicht die Befreiung von etwas im Vordergrund, sondern die Freiheit zu etwas: der Teilnahme an Gottesdiensten, religiösen oder auch profanen Festen.

Die geringe Lebenserwartung machte die Zeit in den meisten Epoche zu einem knappen Gut. Oft wurde das Leben mit dem Ablauf eines Tages – Morgen, Mittag, Abend – verglichen. Man war sich der eigenen Vergänglichkeit bewusst. Sie erinnerte einen daran, demütig zu sein, und machte gleichzeitig Hoffnung auf ein anderes, weniger fragiles Leben. Umso nachdrücklicher wurde zum sinnvollen Gebrauch der Zeit aufgerufen: „carpe diem“ – nutze den Tag!

Die Erfindung der Uhr

Die Vorstellungen über die Zeit und die Methoden, sie zu bestimmen, entwickelten sich sehr unterschiedlich. In ländlichen Regionen gab bis weit ins 19. Jahrhundert die Natur – durch Jahreszeit und Sonnenstand – Orientierung. In den urbanen Zentren dagegen schuf man schon früh Verfahren für eine genauere Zeitmessung. So verwendeten die Menschen im alten Ägypten Sonnen- und Wasseruhren, in Europa später auch Sand- oder Kerzenuhren. In der Antike dienten sie beispielsweise dazu, die Redezeit vor Gericht zu begrenzen. Noch in der Neuzeit gaben Sanduhren an den Kanzeln der Kirchen dem Pfarrer eine Orientierung für die Länge seiner Predigt. Um die Tageszeit zu bestimmen, war allerdings nur die Sonnenuhr geeignet, und das auch nur bei Tag und klarem Himmel.

Ein echter Fortschritt war daher die Erfindung mechanischer Räderuhren um das Jahr 1300. Bald fanden sich in den meisten Städten solche Exemplare: an Rathäusern, Kirchtürmen oder eigens errichteten Uhrentürmen. Oft zeigte Glockengeläut an, welche (Viertel)Stunde es geschlagen hatte. Dies führte allmählich auch zu einer mentalen Veränderung: Die naturgegebene oder göttlich bestimmte Zeit wurde durch die von Menschen gemachte ersetzt. Der Mensch wurde zum Herren über die Zeit.  

Time is money

Die Ökonomisierung der Zeit begann im 15. Jahrhundert. Seefahrt und Handel florierten, das Zinsverbot – Zinsnehmen galt bis dahin als Sünde – wurde gelockert. Waren und Geld wurden immer schneller umgeschlagen. Mit dem Drang, Kapital zu bilden und Gewinn zu maximieren, kam eine neue Wirtschaftsform auf. Auch ein verstärktes Arbeitsethos entstand. Fleiß war nicht länger Mittel zum Zweck, sondern wurde zu einem Wert an sich. Der Lohn wurde zunehmend nicht mehr für einen ganzen Tag gezahlt, sondern pro Stunde, im Winter verdiente man damit schlechter. „Time is money“, Zeit war plötzlich Geld – auch wenn Benjamin Franklin diesen Satz erst einige Jahrhunderte später formulierte.

Von der Turm- zur Armbanduhr 

Seit der Renaissance machten es technische Innovationen möglich, immer kleinere Uhren zu konstruieren – bis hin zu Tisch- und Taschenuhren. Allerdings waren sie vor allem Statussymbole, da sie viel zu ungenau gingen und auch nur einen Stundenzeiger hatten. Erst später, als sich der mechanische Antrieb weiter verbesserte, erhielt das Zifferblatt einen Minutenzeiger und dann auch einen Sekundenzeiger.

Der Siegeszug der Armbanduhr begann im Laufe des 19. Jahrhunderts. Mit einem diskreten Blick auf das Handgelenk konnte man jetzt die „eigene Zeit“ – oder die anderer – unauffällig kontrollieren. Man musste die Uhr nicht mehr für jeden sichtbar aus der Tasche holen.

Taktgeber

Mit der Industrialisierung veränderte sich auch das Zeitverständnis grundlegend. Für den Schichtbetrieb und die Fertigung exakt normierter Produkte war es unverzichtbar, die Arbeitsvorgänge genau zu takten. Uhren an den Verwaltungsgebäuden der Fabriken symbolisierten die zentrale Rolle, die der Faktor Zeit dort spielte. Und nicht mehr nur Sonnenauf- und -untergang strukturierten den Arbeitstag. Dank künstlichem Licht wurde auch länger malocht, Stempeluhren hielten das minutengenau fest. 

Nicht zu vergessen: die Eisenbahn. Der Schienenverkehr wurde ausgebaut und stellte immer höhere Anforderungen an die Zeitmessung. Für genau festgelegte Abfahrts- und Ankunftszeiten mussten auf jedem größeren Bahnhof mehrere Uhren synchron laufen. Das gelang zunächst mit Hilfe elektrischer Impulse, sehr viel später dann durch Funksignale.

Ordnung und Herrschaft

Je präziser die Uhr tickte, umso populärer wurde sie. Sie avancierte geradezu zum Inbegriff von Ordnung: Man verglich ein wohlgeführtes Haus oder Staatswesen mit einem reibungslos funktionierenden Uhrwerk. Ein Bild, das sich bis heute hält. Mittlerweile haben Quarz- und Atomuhr die Zeitmessung entscheidend perfektioniert, Vor- und Nachgehen ist eliminiert, die Zeitanzeige ist dafür omnipräsent: Heute gibt uns fast jedes technische Gerät an, wie spät es ist: Handy, Computer, Herd, Wetterstation, Heizungstherme …

Vor über 100 Jahren haben wir die Sommerzeit eingeführt, jetzt wollen wir sie wieder abschaffen. Es ist wohl dieser Eingriff, der den Höhepunkt des menschlichen Herrschaftsanspruchs über die Zeit markiert: Bewusst haben wir uns abgewendet von einem auf natürlichen Gegebenheiten beruhenden Zeitverständnis und ein anderes nach reinen Nützlichkeitskriterien definiert. Und doch bleibt am Ende die Frage: Hat der Mensch sich die Zeit untertan gemacht, oder ist es nicht umgekehrt?

 

Zum Autor:
Dr. Wolfgang Treue ist Privatdozent am Historischen Institut der UDE.

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