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Ach so!

Wie schnell vergeht Zeit?

  • von Birte Vierjahn
  • 19.08.2021

Ihre Kindheit war lang und bestand fast nur aus Sommer? Aber die vergangenen zwei Jahre sind nur so vorbeigeflogen? Wenn Sie nicken, sind Sie in guter Gesellschaft. Denn wie wir das Vergehen der Zeit wahrnehmen, ist subjektiv, aber dennoch gewissen Regeln unterworfen.

Unterhalten wir uns angeregt, sind zwei Stunden ruckzuck vergangen. Sitzen wir hingegen genauso lange im Wartezimmer, dann scheinen die Zeiger der Uhr durch Honig zu laufen. „Am längsten kommt es uns vor, wenn nichts passiert und wir nicht wissen, wann es weitergeht“, bestätigt Magdalena Wischnewski, Doktorandin in der Sozialpsychologie. Bahnreisende denken schaudernd an blecherne Ansagen am Gleis, die immer länger werdende Verspätungen verkünden.

Interessanterweise ist der Effekt im Rückblick umgekehrt: Die Kindheit, in der wir täglich Neues entdeckten und in der die Sommerferien nur so vorbeirauschten, erscheint uns Erwachsenen lang. Doch denken Sie an die gerade hinter uns liegenden Monate, in denen die Pandemie einzelne Tage ins schier Unendliche dehnte. Aus heutiger Sicht ist diese Zeit schnell vergangen, weil unser Hirn im monotonen Lockdown kaum Ereignisse gespeichert hat.

Wie wir Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft wahrnehmen, hat übrigens auch mit unserer Sprache zu tun: Im Deutschen können wir im Gegensatz zu anderen Sprachen sagen „Ich mähe morgen den Rasen“ – im Präsens, obwohl wir uns justament aufs Sofa fläzen. „Dadurch ist die Zukunft subjektiv näher am Heute“, erklärt Wischnewski. Studien legen nahe, dass dies sogar wirtschaftlich messbar ist, zum Beispiel bei Krediten: Fühlt sich der Zahltag rein sprachlich noch fern an, ist die Unterschrift womöglich schneller unter den Vertrag gesetzt. Ob man in Finnland, das keinerlei grammatisches Futur kennt, daher sehr vorsichtig mit Verschuldungen umgeht? Klingt logisch, ist aber Spekulation.

„Weniger die Wahrnehmung, eher der Umgang mit Zeit unterscheidet uns“, weiß Wischnewski. Präzise, wie es die meisten Deutschen tun, eher als Tendenz wie in Südeuropa oder gänzlich losgelöst von der Uhr wie in einigen afrikanischen Kulturen. In Madagaskar kennt man als Angabe „solange es dauert, eine Heuschrecke zu braten“ (einen Augenblick) und in Burundi trifft man sich, „wenn die Kühe am Fluss trinken gehen“ (mittags). In Shakespeares Komödie „Two Gentlemen of Verona“ heißt es „he had not been there […] a pissing while”. Vielleicht nicht präzise, aber kulturübergreifend verständlich.

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