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Hannah Peters vornweg beim 800-Meter-Sprint
© DGSV/Anton Schneid

Porträt Hannah Peters

Die Siebenkämpferin

  • von Cathrin Becker
  • 21.03.2022

Hannah Peters ist taub und versteht dank Cochlea-Implantat doch alles. Damit stehen der erfolgreichen Studentin zwei Sportwelten offen.

Hannah Peters weiß nicht so recht. Bisher ist die 17-Jährige als Siebenkämpferin mit Hörprothese erfolgreich. Doch die Wettkämpfe der Gehörlosen reizen sie auch. Die Quali dafür hat sie. Aber geht das überhaupt: Mit Cochlea-Implantat an den Start gehen? Sich mit den Trainer:innen ohne Gebärdensprache, die sie nicht gut kann, verständigen? Hannah Peters fragt nach. Und: Es geht. Der Verband will die Kader-Athletin. Das ist nun fünf Jahre her.

„Da kommt die mit dem Hörgerät, das hat nie jemand zu mir gesagt“, erinnert sich die Sportstudentin heute. Inzwischen ist sie in beiden Welten zuhause: In der der Hörenden ist sie aufgewachsen, in die der Gehörlosen hineingewachsen. Keinen Wettkampf lässt sie sich entgehen, dafür ist ihr Ehrgeiz zu groß.

Ihre Lieblingsdisziplin? Jede!

Als Jugendliche hat sie zunächst auch Volleyball gespielt, doch in Einzelsportarten fühlt sich Hannah Peters wohler. Also Leichtathletik. Das liegt ihr – und in der Familie. Ihre Eltern, ihr Bruder, alle sprinten, laufen oder werfen. „Papa ist wieder eingestiegen, mein Bruder hat nach mir angefangen, und Mama will es jetzt auch wissen. Es gibt eine große Motivation bei uns. Und man hat immer ein Thema beim Abendessen“, lacht die 22-Jährige. Als Siebenkämpferin feierte sie letzten Sommer ihren größten Erfolg: Sie gewann bei der Gehörlosen-WM Bronze, dank eines fulminanten 800-Meter-Laufs im Dauerregen von Lublin. Kürzlich wurde sie von der Deutschen Sporthilfe, von der sie seit drei Jahren gefördert wird, ausgezeichnet: als gehörlose Juniorsportlerin des Jahres.

Sie mag jede der sieben Disziplinen. Wenn überhaupt, dann will sie höchstens den Hochsprung schneller hinter sich bringen als die 100 Meter Hürden, das Kugelstoßen, den 200-Meter-Sprint, den Weitsprung, den Speerwurf und den 800-Meter-Lauf. Peters trainiert beim Olympiastützpunkt Westfalen in Bochum, und das vier bis fünf Mal in der Woche jeweils für zwei Stunden – nach der Uni. Vor großen Wettbewerben wie einer Weltmeisterschaft werden es schnell doppelt so viele Einheiten.

„Bei Wettkämpfen der Hörenden werde ich nicht anders behandelt als die anderen. Warum auch, ich habe ja mein Cochlea-Implantat“, erklärt sie. So gut ist sie, dass sie regelmäßig bei NRW-Meisterschaften mitmischt, und mit der 4 x400-Meter-Staffel war sie sogar zweimal Sechste bei den Deutschen Jugendmeisterschaften.

„Bei den Gehörlosenwettkämpfen muss ich natürlich das Implantat rausnehmen, deshalb höre ich kein Publikum, meinen eigenen Atem nicht und auch nicht die Gegnerinnen. Ich muss mich dann öfter umschauen, um zu gucken, wo sie sind. Es ist schon anders, aber ich habe mich daran gewöhnt.“ Auch dass es Startampeln gibt und keinen Startschuss.

Hartes Training für die Ohren

Als eine Ärztin feststellt, dass sie auf beiden Ohren taub ist, ist Hannah Peters noch ein Baby. Sie ist heute dankbar, dass ihr Handicap so schnell diagnostiziert wurde, „denn dadurch wurde ich mit anderthalb Jahren implantiert und bekam gezielte Sprachförderung“. Ein Cochlea-Implantat, sagt sie, bestehe im Prinzip aus zwei Teilen: Das innere wird in den Schädelknochen eingesetzt und enthält eine Empfangsspule und einen Stimulator. Das zweite, externe Teil ist ein digitaler Sprachprozessor, der hinter dem Ohr getragen wird, und eine Sendespule, die über dem Implantat mit Magneten am Kopf gehalten wird. Dieser externe Teil überträgt digitale Informationen an den Empfänger im Ohr. Zu sehen ist das wichtige Hilfsmittel bei Hannah Peters übrigens nicht. Ihre langen blonden Haare verdecken es. Auch ihre Sprache klingt nicht anders.

An den Moment, in dem sie das erste Mal hört, kann sich Peters nicht erinnern. Wohl aber an das viele Üben von Lauten mit ihren Eltern, an die Besuche beim Logopäden und die Sprachtherapien. „Es ist hartes Training, und man muss viel dafür arbeiten, dass man so gut hört wie ich. Es gibt immer noch Wörter, die ich falsch ausspreche, und ich verstehe nicht alles, weshalb ich mir einiges zusammenreimen muss.“ Nach jedem Wechsel ihres Implantats, der in der Regel aufgrund neuer Technik alle sechs Jahre stattfindet, muss die Studentin die Geräusche wieder zuordnen und sich an den neuen Klang gewöhnen. „Das ist anstrengend, zumal ich auf beiden Ohren nichts höre, aber nur auf der rechten Seite ein Implantat habe. Wenn an der Uni viele laut durcheinanderreden, dann bekomme ich Kopfschmerzen.“

Ihr Studium zieht die angehende Lehrerin für Sport und Bio trotzdem genauso ehrgeizig durch wie den Siebenkampf. Die Dozierenden kommen ihr hier und da entgegen: Wenn sie im Trainingslager ist, darf Peters wie alle Spitzensportler:innen an einem Ersatztermin ihre Klausuren schreiben. Beim Schwimmen, das nur ohne Implantat geht, liest sie von den Lippen ihrer Dozentin ab.

Ruhigere Semester und große Ziele

In ihrem Heimatverein trainiert Peters eine Kindergruppe. „Es macht mir Spaß, und ich kann Erfahrung sammeln.“ Auch wenn sie sich nie benachteiligt gefühlt hat, beschäftigt sie die Frage, wie man behinderte Schüler:innen in den Sportunterricht besser integrieren kann. Möglich, dass sie zu diesem Thema im nächsten Semester ihre Bachelorarbeit schreibt.

Während viele ihrer Mitstudierenden über die digitalen Semester in der Coronazeit stöhnen, haben sie für Hannah Peters durchaus Vorteile. Zuhause folgt sie ohne störende Nebengeräusche den Vorlesungen und kann mehr Kurse belegen als sonst, weil das Pendeln wegfällt. Ihren Sport will sie auf jeden Fall noch ein paar Jahre parallel betreiben, wenn es geht, sogar noch neben dem Referendariat.

Deaflympics im Mai

Große Ziele hat sie: die eigene Siebenkampf-Bestmarke von 4.113 Punkten, die sie vor ihrem Kreuzbandriss vor vier Jahren geschafft hat, wieder zu erreichen – oder vielleicht sogar zu übertreffen. Und sich auf zwei Mega-Wettkämpfe vorbereiten: „Im Mai geht es in Brasilien bei den Deaflympics los, also den Olympischen Spielen der Gehörlosen. Ich hoffe, dass es wieder für eine Medaille reicht, ansonsten wäre es toll, unter die Top 5 zu kommen. Danach habe ich ein Jahr Zeit, um mich auf die Gehörlosen-Weltmeisterschaft in Taipeh vorzubereiten. Die will ich auf jeden Fall mitnehmen!“

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