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Auch eine Möglichkeit, einen Text zusammenzufassen: Foto einer zerknüllten Zeitungsseite
© UDE/Martin Nigl

Wie KI Redaktionen hilft

Sprache ist menschlich

  • von Birte Vierjahn
  • 21.03.2022

Literaturpreis? Nein. Überschriften? Ja. Das Start-up TamedAI arbeitet an Künstlicher Intelligenz für Redaktionen.

Überschriften sind ätzend – sie fressen Zeit und Nerven. Ein ganzer Artikel fließt mitunter so aus den Fingern, aber diese wenigen Worte darüber, die Lust auf das Ganze machen sollen, möglichst knapp, pointiert und interessant? Echte Präzisionsarbeit: Herumfeilen, wieder verwerfen – das dauert. Doch wenn Minuten in Euro gemessen werden, ist Hirnakrobatik ein Luxus, den sich einige Verlage nicht mehr leisten können oder wollen. Künstliche Intelligenz (KI) müsste das doch längst übernehmen können?

Sprache ist allerdings zutiefst menschlich: Es gibt Regeln, mindestens aber genauso viele Ausnahmen, Metaphern, feine Nuancen, Ironie und verschiedene Bedeutungen desselben Wortes: Was ist eine Bank? Ein Sitzmöbel? Kreditinstitut? Oder nur ein Symbol fürs Zeitvertrödeln, wenn man etwas auf die lange Bank schiebt? Vorausgesetzt, wir beherrschen die deutsche Sprache, erkennen wir aus dem Zusammenhang, welche Bedeutung gemeint ist.

Gezähmte Technologie

Auf Forschungsebene kann KI das ebenfalls schon lange leisten. Das weiß Ole Meyer aus seiner täglichen Arbeit als Doktorand am UDE-Lehrstuhl für Software Engineering. In seiner Promotion beschäftigt er sich mit dem Transfer von KI aus der akademischen Welt in die Praxis. Und er musste feststellen, dass schon viel möglich ist, aber nur ein Bruchteil dessen genutzt wird. Gemeinsam mit seinem Mit-Doktoranden Nils Schwenzfeier gründete er daher 2019 das Spin-off TamedAI, zu Deutsch etwa „Gezähmte Künstliche Intelligenz“. Das nun achtköpfige Unternehmen versteht sich als Vermittler zwischen Forschung und praktischer Anwendung: „Als Doktoranden wissen wir, was in der Forschung gerade läuft und können das zudem für unsere Kunden in echte Produkte umwandeln“, erklärt Meyer. „Meist ist das sogar ein Feld, in dem deutschlandweit das erste Mal KI eingesetzt wird.“

TamedAI hat bereits in verschiedenen Branchen Fußspuren hinterlassen; durchaus große Spuren bei namhaften Konzernen. Einer der Schwerpunkte des jungen Unternehmens ist die Sprachtechnologie. Nun gibt es natürlich Siri, Echo und Alexa, die Sprache bereits gut verstehen. Eine KI-Architektur, die darüber hinaus auch sehr präzise Nuancen erkennen kann, hat Google 2018 mit seinem „Transformer“ veröffentlicht. Dieses System betrachtet nicht mehr nur das Wort, sondern den Kontext, und kann damit sehr gut interpretieren. Aber: nur auf Englisch und nur bei sehr spezifischen Themen. Die Idee dieser Technologie stellt Google frei in wissenschaftlichen Veröffentlichungen zur Verfügung, doch weil das System so komplex und riesig ist, können die wenigsten damit etwas anfangen. Meyer und Schwenzfeier hingegen konnten.

Erste Aufgabe: Verinnerliche das Internet

Ein Kunde fragte an, wollte Überschriften für redaktionelle Beiträge per KI erstellen lassen und die kurzen Anreißertexte auf Webseiten, die Lust auf den ganzen Beitrag machen sollen. Da ist mehr gefragt als saubere Grammatik und Orthographie. Die beiden Gründer nahmen daher verschiedene Architekturen von „Transformer“ als Grundlage, ließen sie zunächst die Schulbank drücken (da ist sie wieder, die Bank!) und Mustertexte im ganz großen Stil lernen: Die Fibel für das künstliche i-Dötzchen bestand aus dem kompletten deutschsprachigen Inhalt des World Wide Web.

Nachdem diese Kleinigkeit erledigt und die Basis gelegt war, wurde die Technologie an Lückentexten getestet. Mitunter mit kruden Ergebnissen: „Das System hatte natürlich auch alle Schwurbelportale und fragwürdigen Chats gelesen, das war nicht immer veröffentlichungstauglich“, erinnert sich Meyer. Doch das Grundverständnis von Grammatik und Vokabular stand nach diesem Schritt und bildet von nun an die Grundlage für alle weiteren redaktionellen Aufträge. Denn erst jetzt folgt das Finetuning, bei dem die KI kognitiv zum Redaktionsmitglied mit langjähriger Erfahrung wird: Das System wird mit den Daten des jeweiligen Kunden gefüttert, eignet sich dessen Stil an, verinnerlicht die Wortwahl und lernt, Personen, Orte und Themen zu verknüpfen.

So kann die KI-Lösung nicht nur wie gewünscht Überschriften und Anreißertexte produzieren, sie kann zudem alternative Formulierungen vorschlagen und erkennt inhaltliche Fehler und Dopplungen – selbst wenn letztere ganz unterschiedlich formuliert sind. Dafür geht das System 1 bis 10 Milliarden Rechenoperationen pro Wort durch, das es schreibt oder liest, und sucht den passendsten Begriff aus oder vergleicht Bedeutungen. Bei sehr langen Worten noch mehr. „Das geht nicht mal eben mit dem Smartphone. Die Ausführung könnte man noch mit einer Grafikkarte eines Gamers hinkriegen, aber für das Training vorab braucht man Kapazitäten im Gegenwert eines Einfamilienhauses“, stellt Meyer klar.

TamedAI hat dafür ein Abkommen mit verschiedenen internationalen Rechenzentrumsbetreibern; es darf nicht gebrauchte Kapazitäten dieser Internetgiganten nutzen: „Wenn zum Beispiel in Mitteleuropa zum Feierabend gegen 18 Uhr die Rechner runterfahren, steigen wir ein mit unseren Trainings.“

Literaturpreise für künstliche Kreative?

Wird Horst Schlämmer vom Grevenbroicher Tagblatt künftig durch Software ersetzt? Geht gar der Literatur-Nobelpreis in zehn Jahren an eine Technologie? „Nein“, ist sich Meyer sicher. „Dieses kreative Schreiben durch KI wird gerade ziemlich hochgejubelt. Wenn ein System auf Basis des halben Internets Texte kreiert, entsteht natürlich der Eindruck von etwas ganz Neuem. Aber es bleiben eben Wiederholungen von Mustern. Der Trick besteht einfach darin, dass es Milliarden von Mustern sind und das dann wahnsinnig kreativ aussieht.“

Aus seiner Sicht und der seiner Kollegen ist die Zusammenarbeit zwischen Mensch und KI das Optimum: „Inhaltliche Arbeiten müssen Menschen übernehmen. Wir distanzieren uns davon, dort KI einzusetzen.“ Ihr System schlägt daher lediglich Varianten vor, die von Menschen angenommen oder verworfen werden. Damit füllt die redaktionelle KI von TamedAI eine Lücke, die vom Pareto-Prinzip vorgegeben wird: Es besagt, dass sich 80 Prozent einer Aufgabe mit 20 Prozent des Gesamtaufwandes lösen lassen. Die Crux sind die verbleibenden 20 Prozent – „Es fehlt ja nur noch eine gute Headline, dann kann das raus …“ – für die 80 Prozent der Arbeitszeit nötig werden.

Und so schließt sich der Kreis zu den vermaledeiten Überschriften, über die sich in einigen Redaktionsbüros nun die KI die Schaltkreise zermartert. Aber sie macht ihre Aufgabe gut – oder wie gefällt Ihnen der Anfang?*

* Den Titel und die Einleitungssätze hat der virtuelle Kollege auf Basis des Artikels erstellt. Dass durchaus noch einmal ein menschliches Auge für deren Auswahl nötig ist, zeigen zwei alternative Vorschläge der KI für die Überschrift:
■          Ole Meyer und die Passagen des virtuellen
            Kollegen

■          Einfamilienhäuser für Gamer

 

Ole Meyer
... forscht und arbeitet zweigleisig: Zum einen promoviert der Informatiker am UDE-Lehrstuhl für Software Engineering. Zum anderen ist er gemeinsam mit seinem Kompagnon Nils Schwenzfeier Gründer und Geschäftsführer des Start-ups TamedAI. Da beide in der Welt der Forschung und der Wirtschaft gleichzeitig heimisch sind, wissen sie, was der Status quo der KI erlaubt und wie sie ihn individuell auf vielfältige Anwendungen zuschneiden können.

TamedAI
„Wir bieten maßgeschneiderte KI und liefern, was Sie nicht in der Cloud kaufen können.“ Das verspricht TamedAI auf der firmeneigenen Webseite. In diesem Artikel wurde nur die redaktionelle KI vorgestellt, doch Schwerpunkte des noch jungen Unternehmens sind außerdem die Bereiche Sport, Bankwesen/Versicherungen und Medizin. „Und wir freuen uns über jeden Kunden, der mit einer neuen Herausforderung zu uns kommt – gern auch aus einer ganz anderen Branche“, zeigt sich Meyer selbstbewusst.

 

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