Meldungen aus der UDE

© Christian Schwier - Fotolia.com

Erste deutsche Migrantenwahlstudie

Wie Einwanderer und ihre Kinder wählen

von Beate Kostka | 02.03.2018 | Forschung|Presseinfo

Für welche Partei entscheiden sich die Einwanderer und ihre Kinder aus der Türkei oder der ehemaligen Sowjetunion mit einem deutschen Pass bei einer Bundestagswahl? Dieser Frage gingen jetzt Politikwissenschaftler der Universität Duisburg-Essen (UDE) und der Universität zu Köln erstmals in einer Studie nach, die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert wurde.

Die Immigrant German Election Study ist die erste Wahlstudie, die aufgrund hochwertiger Daten aus der Bundestagswahl 2017 präzise Aussagen zum Wahlverhalten von Deutschen mit Migrationshintergrund macht. Dazu wurden jeweils knapp 500 zufällig ausgewählte Deutsche befragt, die selbst oder deren Eltern aus der Sowjetunion oder ihren Nachfolgestaaten (Russlanddeutsche) oder der Türkei (Deutschtürken) eingewandert sind.

Deutlich geringere Wahlbeteiligung

„Ich war überrascht, wieviel geringer die Wahlbeteiligung bei den beiden Gruppen war; bei den Deutschtürken liegt die Quote bei 64 %, bei den Russlanddeutschen sogar nur bei 58 %. Das liegt ganze 18 % unter der allgemeinen Wahlbeteiligung“, fasst Prof. Dr. Achim Goerres (UDE) zusammen.

Beide Gruppen sind politisch auch ganz anders eingestellt als die Deutschen ohne Migrationshintergrund: Russlanddeutsche sind rechts der Mitte positioniert, Deutschtürken links der Mitte. Dr. Dennis Spies von der Uni Köln ergänzt: „In beiden Gruppen haben aber die beiden Volksparteien, die ehemals dominant waren, verloren.“

AfD nur dritte Kraft bei den Russlanddeutschen

Rechtsruck? Kreuzten die Russlanddeutschen bei früheren Bundestagswahlen auf dem Wahlzettel noch mehrheitlich die CDU/CSU an, entschieden sich 15 % von ihnen im Jahr 2017 für die AfD. Prof. Goerres erläutert: „In der Tat punktete die AfD bei den Russlanddeutschen stärker als bei den Wählern ohne Migrationshintergrund. Aber sie blieb als dritte Kraft hinter der Union und den Linken weit hinter den Erwartungen zurück, die medial geschürt wurden.“

Mehr als ein Drittel (35 %) der Deutschtürken wählte die SPD. Die LINKE kommt bei ihnen (16 %) und den Russlanddeutschen (21 %) besser an als bei den Deutschen ohne Migrationshintergrund (11 %). Besonders selten (8 %) wählen Russlanddeutsche grün.

Klar gegen Erdogan

„Die Deutschen türkischer Abstammung sind ganz klar gegen Erdogan. Wenn sie überhaupt am türkischen Referendum teilgenommen haben, stimmten sie deutlich dagegen“, so Prof. Goerres. Nur 21 % der Türken mit doppelter Staatsbürgerschaft waren für die Verfassungsreform. Nur 12 % der Deutschtürken wählten die Erdogan nahestehende Partei „Allianz Deutscher Demokraten“, die nur in NRW antrat.

Etwa 66 % der Deutschtürken sprechen sich gegen eine EU-Mitgliedschaft der Türkei aus. Besonders hoch ist die Ablehnung bei den türkeistämmigen Kurden (84 %). Außerhalb der Wahlen sind die Deutschtürken politisch vergleichsweise stark engagiert; sie demonstrieren zum Beispiel mehr als die Mehrheitsbevölkerung (17 zu 7 %).

Wie kommen die Staatschefs an?

Auf einer Skala von -5 bis +5 bewerten die befragten Deutschtürken Staatspräsident Erdogan im Schnitt mit -2,5, bei der zweiten Einwanderergeneration schneidet er etwas besser ab. Putin bekommt von den Russlanddeutschen eine gute +1,4 und rangiert damit noch vor Merkel. Gebürtige Ukrainer sehen Putin negativ (-0,2). Den grünen Politiker Cem Özdemir kennen fast alle Deutschtürken und geben ihm die schlechteste Bewertung – trotz türkischer Wurzeln.

Weitere Informationen:
http://udue.de/migrantenwahlstudie
https://www.researchgate.net/project/First-Migrant-Election-Study
http://l.spiegel.de/hxyUVrwq

Prof. Dr. Achim Goerres und Dr. Sabrina Jasmin Mayer, UDE, Institut für Politikwissenschaft und Interdisziplinäres Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung, migrantenwahlstudie@uni-due.de, http://achimgoerres.de, http://sabrinajmayer.de/

PD Dr. Dennis Spies, Universität zu Köln, Cologne Center for Comparative Politics, Lehrstuhl für International Vergleichende Politische Ökonomie und Wirtschaftssoziologie, spies@wiso.uni-koeln.de