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Literarisches Fastfood vs. Slow Reading

Im Sog der Worte

  • von Ulrike Bohnsack
  • 19.08.2021

Gedruckte Bücher kommen nicht aus der Mode, die Zeiten wandeln sich trotzdem. Ein Gespräch über Leselust und Slow Reading mit Alexandra Pontzen, Professorin für Gegenwartsliteratur.

Unser Leben wird immer schneller, wie zeigt sich das in der Literatur?
Ganz unterschiedlich. Es wird mehr publiziert als früher. Selbst namhafte Autor:innen bringen in immer kürzeren Abständen neue Bücher auf den Markt. Und wenn das jemand nicht tut – Judith Hermann hatte gerade eine Neuerscheinung drei Jahre nach ihrem letzten Roman –, fragen die Medien: Was hat sie denn die ganze Zeit gemacht?

Die Literatur geht auch viel schneller auf aktuelle Themen ein. Nach 1989 hat es eine ganze Weile gedauert, bis Wenderomane erschienen. Als Covid-19 aufkam, dauerte es weniger als ein Jahr bis zum ersten Corona-Roman. Die Techniken, online zu publizieren oder zu bloggen, befördern das natürlich. Es gibt außerdem neue kurze Formate wie E-Mail- oder SMS-Romane, und das beschleunigte Leben ist ein beliebtes Thema in Büchern.

Passen Zeitdruck und Qualität zusammen?
Dass ich ein in Leinen oder Leder gebundenes Buch ins Regal stelle, dass es mich mein Leben lang begleitet und sich Erben über diese wertvolle Ausgabe freuen, dieses Modell von Literatur ist wohl vorbei. Heute wird Literatur eher konsumiert, oft digital. Auch im Verlagswesen ändern sich die Maßstäbe. Es wird schneller rausgehauen und weniger lektoriert. Und welche Autor:innen wenden noch einen Satz bzw. ein Wort fünfmal und lassen das Manuskript zwei Monate liegen, um dann mit Abstand draufzugucken?  

Ja, die Qualität im Sinne der alten Qualität leidet. Aber manchmal soll es eben literarisches Fastfood sein, also schnell bereitet, schnell gegessen, schnell vergessen.

Durch die digitalen Medien lesen wir mehr, dafür Kürzeres. Haben wir noch Muße für Wälzer?
Empirische Untersuchungen dazu gibt es wenig. Ich beobachte aber oft Leute in der Bahn beim Bücherlesen. Auch bei Studierenden sehe ich auffallend häufig dicke Schwarten.

Die eine Frage ist: Was ist das Bedürfnis beim Lesen? Ist es das Eintauchen in eine andere Welt, also eine Immersion? Dann brauche ich Zeit und Raum dafür. Die andere ist: Wie sind dicke Bücher heute gemacht? Entwickelt sich ein Sog, selbst über tausend Seiten? Viele Wälzer sind deswegen so dick, weil sie überhaupt keine Kontexte von außen erwarten, sondern ihre Kontexte immer mit sich führen. Das heißt, man muss sich nicht erinnern an eine Figur, die 80 Seiten nicht aufgetaucht ist. Denn das neue Spezifikum solcher Werke ist, dass man jederzeit ein- und aussteigen kann, dass einem auf die Sprünge geholfen wird, denn alles wird noch mal erläutert: wer das ist, warum das jetzt passiert usw. Viele Fantasyromane und Serien sind so gestrickt.

Mich persönlich macht das ganz kirre; ich bin noch so sozialisiert, dass ich mir das selbst merke. Jüngere Leute dagegen empfinden die neue Machart nicht als langweilig.

Was halten Sie vom Slow Reading?
Hm … Braucht es so ein Label überhaupt? Es gibt unter den literarischen Leser:innen einen stillen Pakt: Lesen ist Genuss, man nimmt sich Zeit dafür. Im Gegensatz zum Schnell- oder Diagonal-Lesen, bei dem man aus einem Text nur Informationen ziehen will, möchten diese Menschen in eine andere Welt versinken, also etwa die Illusion haben, sie wären mitten im Indian Summer, der da gerade beschrieben wird. Es geht hier um eine ästhetische Erfahrung. Literarische Texte informieren, aber sie beeinflussen auch emotional, machen traurig, nachdenklich, heiter; sie verändern die Art, wie man die Welt wahrnimmt, oder prägen die eigene Biographie. Es gibt viele Beispiele von Menschen in Gefangenschaft, die von der Erinnerung an Texte zehren.

Genau dieses Erleben kriege ich aber nicht, wenn ich mit den Augen durch den Text rattere.

Flow und Leselust hängen zusammen, sagen Sie. Inwiefern?
Ein Flow im Sinne des ungarischen Glücksforschers Mihály Csíkszentmihályi ist das anstrengungsfreie und lustvolle Tun in absoluter Konzentration. Dabei ist es egal, was ich mache, ob ich bergsteige oder im Labor arbeite. Man verliert das Zeitgefühl in dieser Tätigkeit; es ist für nichts anderes Platz. Wenn so etwas im Lesen gelingen soll, dann muss der Text für die lesende Person fordernd genug sein, damit sie nicht – weil sie sich langweilt – schon mal mit den Augen ein paar Zeilen weiter guckt. Aber das Geschriebene darf auch nicht so schwer sein, dass sie frustriert ist und es gar nicht zur Konzentration kommt.

Ein Flow-Erlebnis mit einem Buch hängt also immer davon ab, wie erfahren man im Lesen ist. Ein Werk, das einen vor drei Jahren überfordert hat, sollte man noch einmal in die Hand nehmen, um zu probieren, ob es einen nun in den Bann zieht.

Kann ich einen Flow auch bei einem wissenschaftlichen Text erleben?
Wenn es ein Thema ist, in dem ich mich auskenne, dann werde ich den Text vielleicht sogar mit klopfendem Herzen lesen, nach dem Motto: Was wurde herausgefunden? Bringt mich das weiter? Die Verständnishürden dürften nur nicht so hoch sein, dass sie für mich eine bewusste Anstrengung bedeuten, ich zum Beispiel etwas nachschlagen muss. Andererseits darf es mir aber auch nicht so vertraut sein, dass ich denke: olle Kamelle.

Studierende werden bei einem wissenschaftlichen Text kaum ein Flow-Erlebnis haben. Mit dem Stift in der Hand, also beim Lernen, entwickelt sich das nicht.

Ist Lesen überhaupt noch zeitgemäß?
Die Fähigkeit, sich einen literarischen Text anzueignen, nimmt aus meiner Sicht leider ab. Das hat viele Gründe, und man kann das nicht nur auf die Neuen Medien schieben. Es gibt tolle literarische Online-Angebote, und das Hörbuch hat eine große Karriere gemacht. Wenn gut vorgelesen wird, während ich dabei aufräume oder Auto fahre, ist das ein Genuss. Die Eindrücke können sehr intensiv sein. Die Spuren im Gedächtnis sind jedoch sehr viel schwächer, als wenn ich mich selbst lesend in ein Buch vertiefe. Lesen ist nicht nur eine Tätigkeit der Augen, sondern auch der Bildgebung im Gehirn: Meine Fantasie produziert Bilder. Die stärkere eigene Aktivität trägt dazu bei, dass Texte länger haften bleiben.

Was steckt hinter Ihren Lehr-Lern-Formaten wie „Literatur(kritik) im Salon“, „Gespräch über Bücher“ oder „Feierabendbuch”?
Literatur(kritik) im Salon verbindet Literaturvermittlung mit spielerischen Momenten, um ein Gefühl für Sprache zu förden. Beispielsweise isolieren wir Sätze aus Weltliteratur und Groschenromanen und lassen raten, woher sie stammen. Studierende stellen außerdem Bücher vor und üben, sie zu beurteilen.

Das Gespräch über Bücher in der Stadtbibliothek Essen und Das Feierabendbuch, das ich zusammen mit Vera Kostial und Anna Köbrich konzipiert habe, sind ein bisschen avancierter. Es ist so eine Art Trigger-Format: Wir bieten kurze Leseproben aus Neuerscheinungen an. Danach tauscht man sich aus: Was hat mir gefallen? Warum würde ich das nicht weiterlesen? Diese Kurztexte sind niedrigerschwellig als ein kompletter Roman. Oft bekommen wir die Rückmeldung: Ich lese das jetzt ganz!

Lesen Sie täglich mit Muße?
Zumindest versuche ich, schon morgens früh zumindest 10 Minuten konzentriert zu lesen, abends im Bett auch noch mal. Es ist das Framing meines Tages. Und wenn ich das aus irgendwelchen Gründen nicht einrichten kann, bin ich – wie ein Sportler, der sich nicht bewegt hat – ziemlich unleidlich.


Zur Person:
Dr. Alexandra Pontzen ist Professorin für deutschsprachige Literatur des 18.-21. Jahrhunderts, insbesondere Gegenwartsliteratur, sowie für Medienkulturwissenschaft. Sie gehört der Jury zum „Literaturpreis Ruhr” an. Was sie zurzeit liest? „Middlemarch“ von George Eliot in einer neuen Übersetzung und den Band „da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete“ von der jüngst verstorbenen Friederike Mayröcker. „Dafür möchte ich unbedingt Reklame machen“, sagt Pontzen. „Es ist voller Energie und weckt die Freude an Wörtern.“

 

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