„Die Kraft liegt bei jedem Einzelnen“
Dr. Volker Wissing an der UDE
- von Astrid Bergmeister
- 16.01.2026
Warum wir alle Verantwortung für die Zukunft unserer Demokratie tragen, machte Dr. Volker Wissing, Bundesminister a. D., in seiner öffentlichen Vorlesung an der Universität Duisburg-Essen deutlich. Als Gastprofessor für Politikmanagement der Stiftung Mercator sprach er über die Verantwortungsstrukturen der Demokratie. Im Mittelpunkt stand dabei die Frage nach Eigenverantwortung und politischer Souveränität. „Politik kann nicht jede Eigenverantwortung ersetzen – Bürgerinnen und Bürger geben ihre Souveränität nie ab“, so Wissing.
Der ehemalige Spitzenpolitiker lehrt in diesem Wintersemester an der NRW School of Governance an der UDE. Die Erfahrung aus fast 20 Jahren Parlaments- und Regierungsarbeit spiegelte sich deutlich in seinem Vortrag wider. Im Anschluss sprachen wir mit ihm über Verantwortung, Vertrauen und den Umgang mit Informationen in einer Demokratie.
Astrid Bergmeister: Herr Wissing, mir bleibt besonders der Schlusssatz Ihres Vortrags im Kopf. Sie sagten: Die Kraft liegt beim Einzelnen.
Dr. Volker Wissing: Die Kraft liegt beim Einzelnen, und wir sind ein souveränes Volk. Das heißt: Jede und jeder von uns trägt Verantwortung für unsere Demokratie.
Wo sehen Sie Möglichkeiten, diese Verantwortungsbereitschaft zu stärken?
Wir müssen uns unserer Rolle bewusst sein – es gibt niemanden über uns. Ein souveränes Volk steht immer ganz oben. Wenn wir sagen, dass „die da oben“ unsere Probleme lösen müssen, dann ist das eine falsche Perspektive. Entscheidend ist, dass wir im Alltag unsere demokratische Kultur leben: sich informieren, keine Misstrauenskultur pflegen, sondern eine Vertrauenskultur, und den Ausgleich untereinander suchen.
Sie haben gerade die Vertrauenskultur angesprochen, die auch Thema Ihres Vortrags war. Sie sagten, fehlendes Vertrauen setze einen Misstrauensimpuls, der die Demokratie zerstöre. Wie sehen Sie das?
Vertrauen stärkt die Demokratie und fördert den Zusammenhalt. Das kennen wir aus der Familie, aus Vereinen und aus dem gesamten zivilgesellschaftlichen Leben. Und natürlich gilt das auch für die Politik. Sich vertrauen zu können, ist die Voraussetzung dafür, gemeinsam Großes zu schaffen.
Haben wir in diesem Zusammenhang auch ein Aufmerksamkeitsdefizit?
Der Schlüssel liegt immer darin, sich auf den Weg zur Wahrheit zu begeben. Wir brauchen Wahrheit und Transparenz – das unterscheidet freie Völker von den Untertanen autoritärer Systeme. Wahrheit ist daher zentral für die Stärkung unserer Demokratie. Dafür benötigen wir Wissen.
Informationen zu bekommen scheint heute zwar einfach, ist aber in Wirklichkeit schwierig. Wir werden mit viel Desinformation konfrontiert, und zahlreiche Informationsquellen dienen weniger der Aufklärung als der Erregung und Empörung – etwa, um Aufmerksamkeit zu binden, Werbung zu platzieren oder Konsum anzuregen. Deshalb müssen wir die Qualität von Informationen stärken und schützen. Zugleich sollten wir uns selbst kritischer fragen, was uns wirklich informiert und was uns eher verwirrt – gerade in sozialen Medien.
Es geht also um eine grundsätzliche Informiertheit, um neue Informationen einordnen zu können?
Ohne Transparenz, Information und Wissen ist Freiheit immer gefährdet.