Portraibild von Dr. Esra Akkaya
© Duygu Atçeken

Warum ich forsche: Esra Akkaya

Mit Literatur Nähe schaffen

Izmir, 1919. Ein sephardischer Jude aus Izmir besteigt ein Schiff nach New York. Sein Tagebuch erzählt vom Leben zwischen Welten – von einem transnationalen, ja transhistorischen Dasein. Die Literaturwissenschaftlerin Dr. Esra Akkaya hat das Dokument in New York am Center for Jewish History entdeckt. An der UDE erforscht sie die Geschichte und Literatur der Sephardim, jener jüdischen Gemeinschaft, die seit der spanischen Inquisition über mehrere Kontinente verstreut lebt.

Sie erforschen türkisch-jüdische Geschichte, insbesondere die sephardische. Worum geht es konkret?
Ich arbeite zu sephardischen Literaturen des 20. Jahrhunderts – also zu Gedichten, Theaterstücken oder Tagebüchern, oft in mehreren Sprachen: Türkisch, Französisch, Ladino, Spanisch oder Englisch.

Diese Texte erzählen von Migration, häufig von Flucht, und von einem Leben zwischen Sprachen und Kulturen. Sephardische Jüd:innen stammen ursprünglich von der Iberischen Halbinsel und wurden im Zuge der Inquisition vertrieben. Viele gelangten ins Osmanische Reich, später wanderten zahlreiche weiter, etwa in die USA.

Ihr Projekt wird über fünf Jahre gefördert. Was ist Ihnen besonders wichtig?
Forschung in die Lehre zu bringen, das passiert zu selten.

In meinen Seminaren treffen Studierende aufeinander, die sich sonst kaum begegnen, auch mit unterschiedlichen Perspektiven auf jüdische und muslimische Geschichte. Mir geht es darum, einen Raum zu schaffen, in dem diese Sichtweisen zusammenkommen, ohne zu verhärten. Gerade die sephardische Geschichte hilft, vereinfachende Narrative aufzubrechen und ein differenzierteres Verständnis zu entwickeln – auch mit Blick auf aktuelle Konflikte.

Welche Perspektive bringen Sie selbst ein?

Ich bin Essenerin, habe wie viele meiner Studierenden eine türkische Familie und habe etliche verschiedene Kulturen durch Stationen im Ausland kennengelernt. Das hilft mir, die Themen sensibel zu vermitteln. Literatur kann Nähe schaffen, ohne zu überfordern.

Wo finden Sie Ihre Quellen?
Oft in Archiven – in der Türkei, aber auch in den USA. In New York habe ich ein unveröffentlichtes Tagebuch auf Ladino entdeckt. Es erzählt von einem Mann, der aus der Türkei in die USA migriert und sich letztlich nirgendwo zugehörig fühlt. Solche Perspektiven fehlen in klassischen Geschichtsdarstellungen.

Was ist Ladino?
Eine traditionelle Sprache der Sephardim, basierend auf dem Spanisch des 15. Jahrhunderts und geprägt von Einflüssen aus dem Osmanischen Raum. Heute gilt sie als gefährdet, weil sie kaum noch gesprochen wird.

Woran möchten Sie künftig arbeiten?
Mich interessiert, wie Literatur Geschichte spürbar macht – also nicht nur Wissen vermittelt, sondern Empathie erzeugt. Warum berühren uns manche Texte so stark, dass wir Geschichte anders verstehen? Genau das möchte ich genauer untersuchen und theoretisch weiter ausarbeiten.

Weitere Informationen:

Dr. Esra Akkaya, Fakultät für Geisteswissenschaften, Institut für Romanische Sprachen und Literaturen, Tel. 0201/18 3-7249,  esra.akkaya@uni-due.de

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