Projekt zu „Guilty Pleasures“
Warum wir genießen, wofür wir uns schämen
- von Jennifer Meina
- 24.04.2026
- English version
Reality-TV schauen, Fast Food essen oder spontan einen Billigflug buchen – viele Menschen kennen das Gefühl, etwas zu genießen, das eigentlich als „schlecht“ gilt. Solche sogenannten „Guilty Pleasures“ erscheinen als typisches Phänomen der Gegenwart. Ein neues interdisziplinäres Forschungsprojekt am Kulturwissenschaftliches Institut Essen zeigt jedoch: Diese ambivalenten Genussmomente haben eine lange Geschichte und sind eng mit gesellschaftlichen Normen, Machtverhältnissen und kulturellen Konflikten verbunden. Gefördert wird das Projekt mit rund 440.000 Euro von der VolkswagenStiftung.*
Im Zentrum des Projekts steht die Frage, wie Konsumentscheidungen und Geschmack verhandelt werden – und was dabei gesellschaftlich auf dem Spiel steht. Während bisherige Forschung vor allem untersucht hat, warum Einzelpersonen Dinge als „Guilty Pleasure“ bezeichnen, richtet das Projekt den Blick auf die Diskurse selbst: Wann und warum wird besonders intensiv über solche Vorlieben gesprochen? Und was leisten diese Debatten? Dabei geht es nicht nur um Kunst und Unterhaltung, sondern auch um Themen wie Reisen, Essen, Sexualität oder Politik, erläutern Dr. Roxanne Phillips und Dr. Paul Buckermann vom Kulturwissenschaftlichen Institut (KWI) Essen, die das Projekt zusammen mit Dr. Morten Paul (RUB) leiten.
Ein zentraler Befund: „Guilty Pleasures“ sind keineswegs ein Produkt moderner Popkultur. Schon im 18. Jahrhundert wurde über „sündhafte Lust“ diskutiert – etwa in religiösen Texten, die vor moralisch fragwürdigem Verhalten warnten. Später taucht der Begriff in Debatten über Konsum, Luxus und gesellschaftlichen Wandel auf. Die drei Wissenschaftler:innen nehmen an, dass solche Diskurse besonders dann an Bedeutung gewinnen, wenn soziale Ordnungen zwischen etwa Klassen oder Geschlechtern und kulturell gezogene Unterscheidungen wie zwischen Hoch- und Populärkultur in Bewegung geraten.
Denn „Guilty Pleasures“ sagen immer auch etwas über Macht und Status aus, wie Buckermann und Phillips erklären. Was als „guter“ oder „schlechter“ Geschmack gilt, wird in öffentlichen Debatten, durch Medien, Institutionen und soziale Gruppen immer wieder neu ausgehandelt. „Gleichzeitig liegt im Begriff ein Widerspruch: Menschen werten etwas als unangemessen ab und gestehen dennoch vor Freund:innen im Privaten oder sogar in öffentlichen Kolumnen den eigenen Genuss daran ein.“
Heute sind diese Widersprüche stärker politisch aufgeladen als früher. In Zeiten von Klimakrise, sozialen Spannungen und populistischen Debatten werden Fragen von Konsum und Verantwortung zunehmend eskalativ diskutiert - auch aufgrund medientechnischer Entwicklungen. Das schlechte Gewissen bei Flugreisen oder beim Kauf von Fast Fashion ist dafür ein Beispiel. Die Forschung geht davon aus, dass „Guilty Pleasure“-Diskurse solche gesellschaftlichen Konflikte aufgreifen und in scheinbar banalen Alltagsentscheidungen sichtbar machen.
Zum Kulturwissenschaftlichen Institut
Das KWI Essen ist ein interdisziplinäres Forschungsinstitut der Universitätsallianz Ruhr, das gesellschaftliche Herausforderungen aus kulturwissenschaftlicher Perspektive untersucht und den Austausch zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit fördert.
* Das Projekt „Towards a Genealogy of Guilty Pleasures: Performing Reflexive Consumption“ von Dr. Roxanne Phillips, Dr. Paul Buckermann (beide UDE/KWI) und Dr. Morten Paul (RUB) wird im Rahmen der VolkswagenStiftung-Initiative „Aufbruch – Neue Forschungsräume für die Geistes- und Kulturwissenschaften“ mit rund 440.000 Euro gefördert, davon gehen rund 313.000 Euro an die UDE, an der das KWI angesiedelt ist. Die Initiative unterstützt explorative, risikofreudige Forschung mit neuen Fragestellungen und Perspektiven auf bislang wenig erschlossene Themenfelder.
Im Bild: (V.l.n.r.) Paul Buckermann, Roxanne Phillipps, Morten Paul
Weitere Informationen:
Hier gehts zum Projekt.
Dr. Paul Buckermann, KWI Essen, paul.buckermann@kwi-nrw.de
Dr. Roxanne Phillips, KWI Essen, roxanne.phillips@kwi-nrw.de
Redaktion: Jennifer Meina, Tel. 0203/379-1205, jennifer.meina@uni-due.de