Pressemitteilung der Universität Duisburg-Essen

INEF-Report zum Umgang mit einem schwierigen Begriff

Wie definiert man Terrorismus?

[17.02.2017] Terrorismus – das Wort fällt häufig. Wenn Medien oder Politiker davon sprechen, scheint klar, was sie meinen. Doch tatsächlich gibt es keine allgemeingültige Definition; selbst die Wissenschaft ist sich uneins. Dr. Jochen Hippler vom Institut Entwicklung und Frieden der Universität Duisburg-Essen (UDE) zeigt in einer Studie*, dass der Begriff instrumentalisiert, widersprüchlich und schwammig verwendet wird. Wer Terrorismus verstehen will, muss auf den politischen Kontext schauen, der ihn hervorgebracht hat, sagt der Forscher. Das verdeutlicht er an Bürgerkriegen und Aufständen.

Das Wort weckt Emotionen, es polarisiert. „Mit ‚Terrorismus‘ ist oft ein moralisches Urteil verbunden. Man gibt dem Unverständlichen, dem Bösen, einen Stempel“, sagt Jochen Hippler. Doch was böse ist, hänge vom jeweiligen Standpunkt ab, siehe die Konflikte im Nahen Osten oder aktuell in Syrien und der Ukraine. „Des Einen Terrorist ist des Anderen Freiheitskämpfer, brachte es der frühere US-Präsident Ronald Reagan einst auf den Punkt.“

So ist Terrorismus auch zu einem Kampfbegriff geworden. Seit dem 11. September 2001 dient er als neue Rechtfertigung für Krieg. Und: Statt analytisch mit dem Wort umzugehen, wird damit schnell und pauschal zu vieles etikettiert, was unter politische Gewalt fällt. Doch nicht jeder Bombenanschlag ist ein Terrorakt, und nicht jeder, der aus politischen Gründen tötet, ein Terrorist. Hippler warnt davor, den Begriff zu überdehnen: „Den IS eine Terrormiliz oder -organisation zu nennen, ist verharmlosend. Er ist vielmehr eine Aufstandsbewegung mit staatsähnlichen Strukturen, die neben vielem anderen auch Terrorakte begeht.“

„Es ist schwierig“, erklärt der Friedensforscher, „eine Definition für Terrorismus zu finden, in der nicht schon die Parteilichkeiten mitschwingen.“ Genau deswegen gibt es bislang weder im Völkerrecht noch bei den Vereinten Nationen einen Konsens; genau deswegen streitet auch die Wissenschaft seit über 40 Jahren darüber, wie weit die Grenzen der Definition gesteckt werden sollen. „Das ist ähnlich wie beim Begriff Pornografie.“

Einer der Knackpunkte: Können staatliche Gruppen auch Täter sein? Nein, meinen die einen, weshalb man Verbrechen durch Militär niemals als Terrorakte bezeichnen könnte. Andere, so auch Hippler, verstehen Terrorismus als vorsätzliche und systematische politische Gewalt gegen Zivilisten bzw. Unbewaffnete – unabhängig davon, wer diese ausübt. Die Bombardierung des Greenpeace-Schiffes Rainbow Warrior durch Frankreich 1985 war folglich ein terroristischer Akt, die Liquidation von Politkern durch Geheimagenten ist es auch.

Terrorismus mit bestimmten Kulturkreisen und Religionen zu verbinden, hält Hippler für fatal. „Vielmehr sind es schwere soziale und politische Krisen, die ihn hervorbringen. Im Irak und in Afghanistan gab es nahezu keinen Terrorismus, bis Bürgerkriege und Aufstände – u.a. gegen die militärische Invasion und Besatzungspolitik – ausbrachen.“ Das belegen Zahlen: Im Irak stieg ab 2002 die Zahl der Attentate von 10 auf knapp 10.000 in 2014, in Afghanistan im selben Zeitraum von 54 auf 4.505. „Terroranschläge wie die durch die Taliban sind somit Symptom der zerfallenden afghanischen Gesellschaft.“

Terrorismus ist kein Synonym für Extremismus oder Radikalismus. „Auch ist er weder Verhaltensweise, Ideologie noch eine Art Krieg“, betont Jochen Hippler. „Er ist vielmehr ein taktisches Mittel, das benutzt wird wie ein Gewehr.“


* Hippler, Jochen: Terrorism: Undefinable and Out-of-Context? Reconceptionalizing Terrorism as a Context-Specific Tactical Tool, INEF-Report 111
http://inef.uni-due.de/cms/index.php?article_id=83&clang=0

Weitere Informationen: Dr. Jochen Hippler, Institut Entwicklung und Frieden, Tel. 0203/379-4450, jochen.hippler@inef.uni-due.de

Redaktion: Ulrike Bohnsack, Tel. 0203/379-2429