Pressemitteilung der Universität Duisburg-Essen

UDE-Workshop über Konfliktfelder und Entlastungsstrategien

Wer schafft das: Beruf und Pflege?

[20.10.2010] Immer mehr Alte müssen gepflegt werden, aber kann die Familie dies künftig überhaupt noch leisten, erst recht bei zusätzlicher Berufstätigkeit? Gibt es europaweit konfliktfreie Lösungen für das Nebeneinander von Erwerbstätigkeit und Pflegeverpflichtung älterer Angehöriger? Diese Fragen standen jetzt im Mittelpunkt eines internationalen Experten-Workshops aus Wissenschaft, Politik und Praxis an der Universität Duisburg-Essen (UDE).

Das traditionelle Modell der privaten Pflege scheint nicht mehr lange zu halten. Bislang haben vor allem Frauen in der Familie diese Aufgaben übernommen. Während es aber demografisch bedingt immer mehr Pflegebedürftige gibt, sinkt gleichzeitig die Zahl der Töchter und Schwiegertöchter, die darüber hinaus zunehmend berufstätig sind. Es muss dringend nach Lösungen gesucht werden, dies zeigen auch die Erfahrungen in anderen Ländern.

Die Bereitschaft, die Pflege von Verwandten zu übernehmen, ist in Deutschland ausgesprochen hoch: Zwei Drittel der 2,25 Millionen Pflegebedürftigen werden derzeit zu Hause gepflegt. 4 bis 6 Prozent der Berufstätigen hat zusätzlich zum Job Pflegeverpflichtungen. Dass diese Gruppe häufig mit Burn-out-Symptomen, Erschöpfung, Schlaflosigkeit und Anspannung zu kämpfen hat, zeigt eine aktuelle Hamburger Untersuchung. Außerdem wirkt sich die Übernahme von Pflege auch auf die Erwerbsarbeit aus: Pflegende berichten von Konzentrationsschwierigkeiten, geringerer Leistungsfähigkeit, vermehrten Fehltagen sowie einem „Karriereknick“. In einigen Fällen mussten die Pflegepersonen die Erwerbsarbeit deutlich reduzieren bzw. sogar ganz aufgegeben, um die Pflege übernehmen zu können.

Unterschiedliche Entlastungskulturen in Europa

Beschäftigtenbefragungen in vier europäischen Ländern (Italien, England, Polen und Deutschland) zeigen, dass sich trotz unterschiedlicher Rahmenstruktur die Belastungsmuster und Konfliktfelder bei denen sehr ähneln, die Pflege und Erwerbstätigkeit unter einen Hut bringen müssen. Allerdings werden je nach Land sehr unterschiedliche Strategien gefahren, um das Konfliktfeld Pflege-Beruf zu entlasten. Während in Deutschland viele den Job aufgeben, die Arbeitszeit reduzieren und auf Netzwerkbildung setzen, verlassen sich die italienischen Pflegepersonen auf die Möglichkeit privat ausländische Pflegekräfte anzustellen. In Polen, aber auch in England spielt die private Unterstützung von Freunden und Verwandten eine große Rolle, um die Pflege zu erleichtern.

Aber wie gehen Unternehmen damit um, dass mehr und mehr ihrer Angestellten neben der Berufsarbeit nicht nur die Kinderbetreuung sondern auch noch die Pflege älterer Angehöriger leisten müssen? In einigen Großunternehmen wurden schon Maßnahmen eingeführt, die die Vereinbarkeit fördern, etwa längere unbezahlte Freistellungen, Arbeitszeitreduzierungen oder flexible Arbeitszeitregelungen bis hin zum Telearbeitsplatz. Einige Unternehmen haben auch einen Beratungsservice beauftragt, der die Mitarbeiter bei der Pflegeübernahme unterstützt. Diese Angebote werden bislang aber äußerst wenig in Anspruch genommen und beeinträchtigen deshalb auch kaum den Arbeitsablauf.

Das Bundesministerium für Familie, Frauen und Jugend plädiert in seinen Reformvorstellungen zur Vereinbarung von Pflege und Erwerbstätigkeit eindringlich für eine „Gesellschaft des Kümmerns“. Denn eine gelungene Vereinbarung von Pflege und Beruf ist vor dem Hintergrund der sich stellenden Aufgabe unverzichtbar.

Weitere Informationen: Dr. Angelika Kümmerling, Tel. 0203/379-1905, angelika.kuemmerling@uni-due.de

Redaktion: Claudia Braczko, Tel. 0170 / 87 61 608, presse-iaq@uni-due.de