Pressemitteilung der Universität Duisburg-Essen

Neues Projekt erforscht interkulturelle Kommunikation

Wie indische und deutsche Flugbegleiter zusammenarbeiten

[10.03.2011] Plötzlich wird es unruhig an Bord des Airbus', ein Passagier fühlt sich nicht wohl. Das Team der Flugbegleiter reagiert sofort, hilft reibungslos weiter. Was nicht selbstverständlich ist, denn bei jeder Reise arbeiten unterschiedliche Menschen zusammen. Wenn dann auch noch die Nationalitäten verschieden sind, kann es zu interkulturellen Verständigungsproblemen kommen. Wie diese ablaufen, untersucht ein dreijähriges DFG-Projekt der Universität Duisburg-Essen (UDE) und des Kulturwissenschaftlichen Instituts Essen (KWI) unter der Leitung von Prof. Jo Reichertz und Prof. Ronald Kurt. Es analysiert die Interaktion zwischen indischen und deutschen Mitarbeitern einer großen deutschen Fluggesellschaft.

Globalisierte Arbeitsplätze gibt es mittlerweile viele, in der Luftfahrt arbeiten internationale Teams sogar seit 20 Jahren zusammen. Was nicht ohne Folgen bleibt. Die Flugzeuge sind in feste Abschnitte unterteilt, und meist betreuen die indischen Flugbegleiter ihre Landsleute. „Sie verfügen über mehr kreatives und improvisatorisches Geschick“, sagt Prof. Dr. Jo Reichertz. „Beispielsweise kommt es auf den Indien-Flügen häufig vor, dass die Fluggäste mit den zugewiesenen Plätzen nicht zufrieden sind. In solchen Situationen sind die indischen Flugbegleiter besonders geschickt, wenn sie sowohl indische als auch deutsche Gäste bitten, sich umzusetzen, damit Familien und Reisegruppen zusammensitzen können.“

Was aber passiert mit ihrer Identität, wenn die Menschen über lange Zeit mit der anderen Kultur in Berührung sind und sich ständig aneinander anpassen müssen? „Die kulturellen Grenzen werden sich weiter auflösen“, vermuten die Projektpartner, zu denen auch Prof. Norbert Schröer gehört. Mit seinen Kollegen Anandita Sharma und Richard Bettmann hat er kürzlich indische Flugbegleiter in Delhi interviewt und wertet die Gespräche jetzt aus.

Allerdings pflegen Inder andere Gesprächsgewohnheiten als Deutsche, so dass sich die Form der Interviews nicht direkt umsetzen lässt. „Der formale Rahmen ist ganz anders“, berichtet Anandita Sharma. „Erst einmal muss man sich Zeit lassen, damit ein persönlicher Kontakt entsteht. Man kann nicht einfach ‚mit der Tür ins Haus fallen’. Probleme sollten nicht so direkt angesprochen werden.“ Die Gespräche dauerten etwa 90 Minuten und wurden an ganz unterschiedlichen Orten geführt, darunter auch Restaurants und Privatwohnungen. Die Wissenschaftler interessierte, wie Verständigungsprobleme in der Praxis gelöst werden. Es ging um Abläufe an Bord sowie persönliche Erfahrungen und Erlebnisse.

„Für uns war von großem Vorteil, dass wir sehr unterschiedliche Charaktere in ihrem eigenen kulturellen Umfeld befragen konnten. Die Interviews verliefen erfreulich offen“, so Schröer. „Sie verdeutlichen uns die kommunikativen und persönlichkeitsbezogenen Anpassungen verschiedener Kulturen.“

Probleme müssen gemeinsam bewältigt werden. Beispielsweise müssen sich die indischen Crew-Mitglieder daran gewöhnen, Probleme bei der Arbeit direkt anzusprechen, was sie aus ihrer Heimat so nicht kennen. Zugleich sollten aber die Deutschen sehen, dass ihre direkte Art oft sehr verletzend ist. Findet hier kein Austausch statt, kommt es leicht zu einer interkulturellen Pattsituation, die den Service an Bord blockiert. Die Flugbegleiter sollen daher bei Missverständnissen über kulturelle Grenzen hinweg zu einem gemeinsamen kommunikativen Miteinander finden, mit dem beide Seiten zurechtkommen. So entsteht allmählich ein eigener, die kulturellen Grenzen überschreitender Raum.

Interkulturelle Kommunikation sorgt für Missverständnisse, bietet aber auch Chancen. Die Kooperation in solchen Arbeitsteams gestaltet jeweils einen neuen sozialen Rahmen. Dieser kann nur dann relativ stabil sein, wenn die Menschen bereit sind, ihre kulturellen Identitäten entsprechend umzugestalten.

Mit dem Projekt wollen das KWI und die UDE typische Aspekte transkultureller Kommunikations- und Identitätsarbeit identifizieren. Bei der wissenssoziologischen Untersuchung werden qualitative Experteninterviews mit dem Management, narrative Interviews mit indischen und deutschen Flugbegleitern sowie teilnehmende Beobachtungen kombiniert. Gefördert wird das Projekt „Fremde Eigenheiten und eigene Fremdheiten. Interkulturelle Verständigung und transkulturelle Identitätsarbeit in globalisierten Arbeitskontexten“ durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG).

Weitere Informationen: Prof. Dr. Jo Reichertz, Tel. 0201/183-2810, jo.reichertz@uni-due.de; Prof. Dr. Ronald Kurt, Tel. 0201/7204-201, ronald.kurt@kwi-nrw.de

Redaktion: Katrin Braun, Tel. 0203/379-1488

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