Pressemitteilung der Universität Duisburg-Essen

IAQ-Forscher zu deutschen Arbeitsmarktreformen:

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[07.03.2014] Unter dem Namen „Hartz“ wurden in Deutschland von 2002 bis 2005 sehr weitreichende Arbeitsmarktreformen umgesetzt. Das „Beschäftigungswunder“ haben sie aber nicht verursacht. „Den europäischen Nachbarn ist dieser vermeintliche Erfolgspfad nicht zur Nachahmung zu empfehlen“, rät Prof. Dr. Matthias Knuth vom Institut Arbeit und Qualifikation (IAQ) der Universität Duisburg-Essen (UDE). Beim Treffen der Arbeitnehmergruppe im Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschuss in Athen präsentiert der Forscher heute (7. März) eine kritische Gesamtschau auf den deutschen Arbeitsmarkt und die deutschen Reformen.

Kurz nach den viel umstrittenen Hartz-Gesetzen setzte eine Trendwende ein: Die Arbeitslosigkeit ging zurück, die Beschäftigung nahm wieder zu, und der deutsche Arbeitsmarkt erwies sich in der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/2009 als außerordentlich belastbar. „Da dies zeitlich zusammentraf, liegt es nahe, die Reformen als ursächlich für die Trendwende anzusehen und deswegen Kritik an ihren negativen Nebenfolgen zurückzuweisen“, meint Knuth. Tatsächlich ging die Arbeitslosigkeit jedoch zurück, weil die Arbeitskraftreserven schrumpfen, die Produktivitätsentwicklung sich verlangsamte und das Arbeitsvolumen auf mehr Köpfe verteilt wurde.

Immerhin habe die Hartz-Reform offenbar einen Beschleunigungseffekt auf die Übergänge aus Arbeitslosigkeit in Beschäftigung gebracht, so Knuth. Dieser beschränke sich allerdings auf diejenigen, die kurzzeitig ohne Job sind, noch Arbeitslosengeld erhalten und den Abstieg in die bedürftigkeitsgeprüfte Grundsicherung fürchten. Die Chancen der Langzeitarbeitslosen haben sich dabei nicht verbessert. Vielmehr führten die Angst vor Arbeitslosigkeit und die geringere Risikobereitschaft der Arbeitnehmer dazu, dass die Fluktuation von Arbeitskräften trotz Wirtschafts- und Beschäftigungswachstum gesunken ist, stellt Knuth fest. Insofern funktioniere der deutsche Arbeitsmarkt sogar schlechter.

Und noch etwas merkt der IAQ-Forscher an: Durch den demografischen Wandel hat sich das Verhältnis zwischen Nachfrage nach und Angebot an Arbeitskräften zugunsten der Arbeitnehmer verbessert, was sich eigentlich in steigenden Lohnangeboten und vermehrtem Abwerben (also mehr Fluktuation) niederschlagen müsste, aber nicht tut. Die Hartz-Gesetze haben dazu beigetragen, dass wichtige Signale auf dem Arbeitsmarkt nicht bemerkt werden. Trotz zunehmender Klagen über Arbeitskraftengpässe steigen die Löhne nicht oder kaum. Damit nehme aber auch der Rationalisierungsdruck ab, die Produktivität entwickelt sich langsamer und die Investitionen schwächeln, obwohl ausreichend Geldkapital da ist. Knuth: „In seiner Gesamtheit ist der deutsche Weg daher nicht zu empfehlen. Das schließt nicht aus, dass einzelne Elemente in anderen Ländern geeignet sein können.“

Weitere Informationen: http://www.eesc.europa.eu/resources/docs/germany_xl_de.pdf
Prof. Dr. Matthias Knuth, Tel. 0203/379-1821, matthias.knuth@uni-due.de

Redaktion: Claudia Braczko, Tel. 0170/8761608, claudia.braczko@uni-due.de