Pressemitteilung der Universität Duisburg-Essen

Neues therapeutisches Zielmolekül?

Hoffnung für Alzheimer-Patienten

[07.07.2016] Eine wegweisende Entdeckung für Alzheimer-Erkrankte ist vermutlich Wissenschaftlern des Instituts für Neuropathologie der Medizinischen Fakultät der Universität Duisburg-Essen (UDE) gelungen in Kooperation mit der Klinik für Neurologie am Universitätsklinikum Essen (UK Essen) und der Klinik für Psychiatrie der Ludwig-Maximilians-Universität München. Sie entdeckten die zentrale Rolle, die das Enzym Kallikrein 8 (KLK8) für den Krankheitsverlauf spielt. Hierüber berichtet das renommierte Fachmagazin Alzheimer's & Dementia in seiner aktuellen Ausgabe.

35 Mio. Menschen leiden unter Alzheimer – damit ist sie die häufigste neurodegenerative Erkrankung weltweit. In Deutschland sind rund 1,2 Mio. davon betroffen. Bis 2050 werden sich die Zahlen vermutlich noch verdreifachen wegen des demographischen Wandels. Krankheitssymptome sind der fortschreitende Abbau geistiger Fähigkeiten, gesteigerte Ängstlichkeit bis hin zum kompletten Persönlichkeitsverlust. Bis heute ist die Krankheit nicht heilbar und verläuft immer tödlich. Auf 600 Mrd. US-Dollar belaufen sich die jährlichen Behandlungskosten, schätzt die WHO.

Die Neuropathologin Prof. Dr. Kathy Keyvani: „Die Ursachenerforschung und -bekämpfung verlief bislang ohne nennenswerten Erfolg. Ein Hoffnungsschimmer verbindet sich nun mit dem körpereigenen Enzym Kallikrein (KLK) 8, das an der Gedächtnisbildung und Angstentstehung beteiligt ist.“ Schon in einem frühen Krankheitsstadium konnten die Wissenschaftler im Gehirn der Betroffenen einen KLK8-Überschuss feststellen. Außerdem veränderten sich die KLK-Werte im Blutplasma und Gehirnwasser (Liquor) auffällig.

Wenn man also die Aktivität dieses Enzyms ausbremst, schlussfolgerten die Forscher, wirkt sich dies vermutlich auf den Krankheitsverlauf aus. Und die Versuchsergebnisse gaben ihnen recht: Wurde die KLK8-Enzymaktivität vier Wochen lang im Tiermodell durch Antikörper gehemmt, schwächten sich die pathologischen Veränderungen in einem frühen Krankheitsstadium ab oder verschwanden sogar ganz – und das ohne erkennbare Nebenwirkungen.

Die Enzymblockade wirkt auf mehreren Wegen: zum einen senkt sie die Alzheimer-typische Ablagerung schädlicher Proteinaggregate (Plaques) im Gehirn, weil weniger davon in der Plaque-Vorstufe produziert wird und schon vorhandene Plaques ausgeschwemmt und entfernt werden. Außerdem kann die krankheitstypische Tau-Pathologie unterbunden werden, bei der das geschädigte Transportprotein Tau zum Absterben erkrankter Nervenzellen beiträgt. Stattdessen werden die Nervenzellen komplexer und robuster, das Gehirn schüttet weniger angstauslösende Signale aus.

Prof. Kathy Keyvani: „Hocherfreulich ist, dass im Mausmodell schon all die Alzheimer-typischen Symptome, wie Gedächtnisverlust oder gesteigerte Ängstlichkeit, weitgehend überwunden sind.“ Auch wenn die Studienergebnisse sehr vielversprechend sind: bis zur Einführung eines möglichen Therapeutikums ist noch ein langer Weg zu überwinden. Ob KLK8 zudem Aussichten hat, sich als früher Biomarker in der Alzheimer-Diagnostik zu etablieren, muss noch weiter untersucht werden. Für diese wegweisende Erfindung hat die UDE ein internationales Patent angemeldet.

Weitere Informationen: Christine Harrell, Tel. 0201/723-1615, christine.harrell@uni-due.de


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Ein Foto zu dieser Pressemitteilung (Bildbeschreibung: (v.l.) Sitzend: Yvonne Münster, Prof. Dr Kathy Keyvani, stehend: Dr. Arne Herring, Dr. Sarah Teuber-Hanselmann. (Fotonachweis: UDE/UK Essen)) können Sie herunterladen unter:
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