Neu an der UDE: Tim Neu
Eine Epoche zwischen den Zeiten
- von Dr. Alexandra Nießen
- 28.08.2026
- English version
Die Zeit zwischen 1500 und 1800 war weit mehr als die Vorgeschichte unserer Gegenwart – davon ist Prof. Dr. Tim Neu überzeugt. Er interessiert sich für vormoderne Vorstellungen von Freiheit und Gleichheit und fragt, wie politische Herrschaft und wirtschaftlicher Austausch schon vor Jahrhunderten über große Distanzen hinweg organisiert werden konnten. Der 47-jährige Historiker hat die Professur für Geschichte der Frühen Neuzeit an der Fakultät für Geisteswissenschaften angenommen.
[Dr. Alexandra Nießen:] Wie würden Sie Ihre Forschung kurz zusammenfassen?
[Prof. Dr. Tim Neu:] Menschen im globalen Norden haben heute praktisch täglich mit ‚dem Staat‘ zu tun – sei es etwa die Steuererklärung oder ein Termin beim Bürgeramt. Zugleich sind sie über ‚die Märkte‘ mit einem Großteil der Welt verbunden, wie jeder Einkauf deutlich macht. Allerdings sind diese Zusammenhänge nicht selbstverständlich – die Lebenswelt der meisten Menschen war über Jahrtausende kaum berührt von politischen Zentren und weiträumigen Warenketten.
Ich untersuche vornehmlich, wie und warum es in der Frühen Neuzeit – grob zwischen 1500 und 1800 – zunehmend möglich wurde, politische wie ökonomische Macht über immer größere zeitliche wie räumliche Distanzen und über immer größere Territorien auszuüben.
Gibt es Themen, die Ihnen dabei besonders am Herzen liegen?
Besonders wichtig ist mir das Thema ‚Demokratiegeschichte‘. Die Frühe Neuzeit wird allerdings häufig aus der Perspektive der modernen Idee von universeller Freiheit und Gleichheit betrachtet, die mit der Französischen Revolution seit 1789 zum Durchbruch kam. Die Frühe Neuzeit erscheint dann entweder als deren Vorgeschichte – oder gerät aus dem Blick. Eine solche Engführung verschenkt jedoch das Erkenntnispotenzial der vormodernen Konzepte und Praktiken von Freiheit und Gleichheit. Gerade ihre Andersartigkeit finde ich besonders interessant.
Welche Pläne haben Sie an der UDE?
Zunächst werde ich mein ‚zweites Buch‘ zum Druck bringen, das unter dem Arbeitstitel „Kreditmaschinen. Frühmoderne Fiskalmacht im britischen Imperium (1692-1783)“ als Manuskript vorliegt. Im Zentrum steht die Frage, wie der englisch-britische Staat des langen 18. Jahrhunderts unter den Bedingungen imperialer Expansion und einer Herrschaft über große Distanzen hinweg öffentliche Zahlungsfähigkeit in immer größerem Umfang gewährleisten konnte.
Parallel beginne ich, die Digitalressource „Einführung in die Frühe Neuzeit“ an die UDE zu transferieren und sie mit UDE-Studierenden und Kolleg:innen aus NRW weiterzuentwickeln. Mein Ziel ist es, die Plattform als kooperatives, standortübergreifendes Lehr- und Transferinstrument auszubauen und die Sichtbarkeit der UDE im Bereich der digitalen Geschichtswissenschaft und der Frühneuzeitforschung nachhaltig zu stärken.
Was sollten Ihre Student:innen über Sie wissen?
Die Universität ist für mich vor allem ein Ort forschenden Lernens. Das heißt, ich traue Studierenden von Beginn an zu, sich die Gegenstände ihres Studiums im Modus der Wissenschaftlichkeit zu erarbeiten – als vorläufige, am historischen Material gewonnene Erkenntnisse und nicht als feststehende, konsumierbare ‚Inhalte‘.
Welches Missverständnis über Ihr Fachgebiet würden Sie gerne ausräumen?
Es gibt ein doppeltes Missverständnis: Vielen gilt die Frühe Neuzeit als Aufgalopp zur Moderne, als Vorgeschichte der Gegenwart. Andere hingegen betonen, wie anders sie ist, und schreiben eine Art Gegengeschichte. Beide Herangehensweisen sind aber verkürzt, denn die Frühe Neuzeit war beides – vor-modern und früh-modern. Die Eigenart dieser Epoche resultiert daher gerade aus der spannungsvollen Verbindung beider Eigenschaften zu einer „Zwischenzeit“ (J. Burkhardt).
Zur Person: Tim Neu
- Seit April 2026: Professor für Geschichte der Frühen Neuzeit, UDE
- 2020 bis 2026: Assistenzprofessor für Geschichte der Demokratie und der Menschenrechte (16. bis 21. Jahrhundert), Universität Wien (Österreich)
- 2017 bis 2020: Juniorprofessor für Europäische Expansion (17001850), RUB
- 2012 bis 2017: Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Universität Göttingen
- 2005 bis 2012: Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Universität Münster
- Zwei Auszeichnungen für seine Promotion „Die Erschaffung der landständischen Verfassung. Kreativität, Heuchelei und Repräsentation in Hessen (1509–1655)“:
- 2015 Wissenschaftspreis des Deutschen Bundestages
- 2014 Forschungspreis des Gesamtvereins der deutschen Geschichts- und Altertumsvereine
- 2011: Promotion, Universität Münster
- 1999 bis 2005: Studium der Geschichte, Philosophie, Erziehungswissenschaft, Universität Bonn und Universität Münster
Weitere Informationen:
Prof. Dr. phil. Tim Neu, Geschichte der Frühen Neuzeit, Tel. 0201/18-34463, tim.neu@uni-due.de
Redaktion: Dr. Alexandra Nießen, alexandra.niessen@uni-due.de