Neu an der UDE/am UK Essen: Mechthild Krause
Strahlentherapie nach Maß
- von Dr. Alexandra Nießen
- 03.09.2026
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Wie viel Strahlentherapie braucht ein Tumor – und welche Patient:innen benötigen sie möglicherweise gar nicht? Prof. Dr. Mechthild Krause erforscht, wie sich die Behandlung stärker an den biologischen Eigenschaften eines Tumors ausrichten lässt. Die 50-Jährige ist neue Direktorin der Klinik für Strahlentherapie in der Universitätsmedizin Essen und hat die Professur für Strahlenheilkunde an der Universität Duisburg-Essen angenommen.
[Dr. Alexandra Nießen:] Wie erklären Sie Ihre Forschung jemandem außerhalb Ihres Fachgebietes?
[Prof. Dr. Mechthild Krause:] Die Strahlentherapie von Tumorerkrankungen ist in den letzten Jahrzehnten immer präziser geworden. Tumoren können heute sehr genau erfasst und bestrahlt werden. Um die Behandlung weiter zu verbessern, müssen wir stärker individualisieren, welche Strahlendosis Patient:innen benötigen und was bestrahlt werden soll bzw. welche anderen Behandlungen zusätzlich nötig sind.
Bisher entscheiden wir in der Strahlentherapie vor allem danach, wo ein Tumor liegt, wie groß er ist und wie weit die Erkrankung fortgeschritten ist. Tumoren unterscheiden sich aber etwa auch in ihren genetischen oder molekularen Eigenschaften. Das kann beeinflussen, wie aggressiv ein Tumor ist und wie gut er auf eine Behandlung anspricht.
Wir untersuchen das zunächst in Tumorgewebe bereits behandelter Patient:innen. So versuchen wir herauszufinden, welche Merkmale mit einem höheren oder niedrigeren Risiko für einen Rückfall verbunden sind. Inzwischen können wir erste klinische Studien durchführen, in denen die Strahlentherapie anhand solcher Tumoreigenschaften angepasst wird – derzeit etwa bei Kopf-Hals-Tumoren.
Langfristig möchten wir nicht nur die Strahlendosis individuell festlegen. Denkbar ist auch, genauer zu entscheiden, welche Regionen bestrahlt werden müssen oder wer eine Strahlentherapie möglicherweise gar nicht benötigt.
Parallel untersuchen wir im Labor, wie sich Strahlentherapie gezielt mit Medikamenten kombinieren lässt. Ziel ist eine Behandlung, die sich stärker an der Biologie des einzelnen Tumors orientiert: so viel Therapie wie nötig, aber möglichst nicht mehr als nötig.
Was fasziniert Sie an diesem Thema?
Mich fasziniert besonders die Arbeit an der Grenze zwischen Labor und klinischer Anwendung. Schon im Labor verfolgen wir ein konkretes klinisches Ziel: Wir untersuchen bestimmte Eigenschaften eines Tumors mit der Frage, ob und wie sich daraus die Behandlung von Patient:innen verbessern lässt. Dabei prüfen wir immer wieder, ob unsere Ergebnisse später tatsächlich klinisch umsetzbar sein können.
Wenn aus eigenen Laborarbeiten schließlich eine klinische Studie entsteht, bestätigt mir das meine jahrelange Arbeit. Noch wichtiger ist es natürlich, wenn sie die Lage von Patient:innen am Ende tatsächlich verbessert – sei es durch bessere Heilungschancen oder durch weniger Nebenwirkungen.
Was möchten Sie am Universitätsklinikum Essen (UK Essen) voranbringen?
Das UK Essen ist Mitglied des Deutschen Konsortiums für Translationale Krebsforschung (DKTK) und Partnerstandort des Nationalen Centrums für Tumorerkrankungen (NCT). Diese Strukturen und der Schwerpunkt der Universitätsmedizin Essen auf Krebserkrankungen waren für mich wichtige Argumente, nach Essen zu kommen.
Ich möchte insbesondere die translationale Radioonkologie stärken. Wir entwickeln dazu die Erkenntnisse aus dem Labor so weiter, dass daraus neue Behandlungsansätze entstehen, die dann in klinischen Studien geprüft werden können. Solche Studien möchten wir insbesondere innerhalb des NCT entwickeln und durchführen.
Der Schwerpunkt liegt dabei derzeit auf Kopf-Hals-Tumoren. Perspektivisch möchte ich weitere Tumorerkrankungen erforschen, bei denen die Strahlentherapie eine wichtige Rolle spielt und die Heilungschancen noch nicht ausreichend sind. Dazu gehören etwa Lungen- oder aggressive Hirntumoren.
Was hat Sie bei Ihrer wissenschaftlichen Arbeit selbst besonders überrascht?
Überrascht hat mich, wie stark das Ergebnis von Laboruntersuchungen davon abhängen kann, wie nah die Versuche an der späteren klinischen Anwendung sind.
Wir haben beispielsweise Substanzen untersucht, die als mögliche Kombination mit einer Strahlentherapie als sehr vielversprechend galten. Experimentell zeigte sich aber, dass viele davon die Heilungsrate der Tumoren durch die Strahlentherapie gar nicht verbesserten. Sie konnten das weitere Wachstum nicht geheilter Tumoren nur verlangsamen.
Ein Grund dafür ist, dass viele Laboruntersuchungen die spätere klinische Situation nur vereinfacht abbilden. So wird die Bestrahlung im Experiment häufig nur einmal durchgeführt, während Patient:innen meist über mehrere Tage oder Wochen bestrahlt werden. Auch wird häufig untersucht, ob ein Tumor langsamer wächst, und nicht, ob er durch die Behandlung tatsächlich geheilt werden kann.
Unsere Erfahrung zeigt, dass bei aufwendigeren, kliniknahen Experimenten deutlich weniger neue Therapieansätze erfolgversprechend bleiben. Das kann enttäuschen, ist aber wichtig: Je früher wir nämlich erkennen, was keinen Nutzen bringt, desto gezielter können wir diejenigen in klinischen Studien untersuchen, die tatsächlich Aussicht auf eine Verbesserung der Behandlung haben.
Zur Person: Prof. Dr. Mechthild Krause
- Seit August 2026: Direktorin der Klinik für Strahlentherapie, Universitätsmedizin Essen und Professorin für Strahlenheilkunde, Universität DuisburgEssen
- 20162026: Direktorin der Klinik und Poliklinik für Strahlentherapie und Radioonkologie, Universitätsklinikum Dresden sowie Direktorin des Instituts für Radioonkologie (OncoRay), HelmholtzZentrum Dresden-Rossendorf
- Seit 2012: Professorin für Translationale Radioonkologie, TU Dresden
- 2007: Habilitation in der Strahlentherapie
- 19942000: Studium der Medizin, TU Dresden
Weitere Informationen:
Prof. Dr. med. Mechthild Krause, Klinik für Strahlentherapie, UK Essen, Tel. 0201/723-2056, strahlenpoliklinik@uk-essen.de
Redaktion: Dr. Alexandra Nießen, alexandra.niessen@uni-due.de