Tauben navigieren nach Bauchgefühl
Forschende entdecken magnetische Sensorzellen in der Leber
- von Juliana Fischer
- 29.05.2026
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Wie finden Tauben über Hunderte Kilometer hinweg zuverlässig nach Hause? Seit langem ist bekannt, dass sie sich am Magnetfeld der Erde orientieren. Wie dieser Magnetsinn funktioniert, gehört jedoch zu den ungelösten Fragen der Biologie. Die Antwort könnte ausgerechnet in der Leber liegen. Eine kürzlich im Fachmagazin Science veröffentlichte Studie beschreibt spezielle Immunzellen, die möglicherweise das Erdmagnetfeld wahrnehmen und den Vögeln so einen inneren Kompass liefern. An der interdisziplinären Arbeit ist der Physiker Prof. Dr. Ulf Wiedwald von der Universität Duisburg-Essen beteiligt.
Dass Zugvögel und Brieftauben das Magnetfeld der Erde zur Orientierung nutzen, ist seit Jahrzehnten bekannt. Unklar ist jedoch, wo dieser Magnetsinn sitzt und wie die Signale verarbeitet werden. Diskutiert wurden bislang lichtabhängige Mechanismen im Auge oder magnetische Partikel im Schnabel, eindeutige experimentelle Belege fehlten bislang.
Die neue Studie in Science* beschreibt nun einen anderen möglichen Mechanismus der magnetischen Wahrnehmung. Im Mittelpunkt stehen Makrophagen, also Immunzellen, die beim Abbau alter roter Blutkörperchen Eisen speichern und damit eine wichtige Rolle im Eisenstoffwechsel von Wirbeltieren spielen.
Um zu untersuchen, ob eisenhaltige Immunzellen an der Magnetwahrnehmung von Tauben beteiligt sind, analysierte das Team um Physiker Prof. Dr. Ulf Wiedwald zunächst Augen, Schnabel, Gehirn, Leber und Milz der Tiere mit hochsensiblen magnetischen Messverfahren.
„Die mit Abstand stärkste magnetische Reaktion fanden wir in der Leber, während andere Gewebe keine vergleichbaren Signale zeigten“, sagt Ulf Wiedwald. „Im Lebergewebe liegt Eisen in kristallisierten Oxid-Nanopartikeln vor. Diese verleihen den Zellen superparamagnetische Eigenschaften und könnten sie empfindlich für Magnetfelder machen.“
Wie wichtig diese Zellen tatsächlich für die Orientierung sind, zeigten Verhaltensexperimente mit Brieftauben in Feldstudien. Das ornithologische Team trainierte sie darauf, aus einer Entfernung von zwanzig Kilometern zu ihrem Taubenschlag am Max-Planck-Institut in Radolfzell am Bodensee zurückzukehren. Wurden die eisenhaltigen Makrophagen durch Gabe eines hemmenden Wirkstoffs vorübergehend deaktiviert, fanden die Tiere bei bewölktem Himmel den Weg nach Hause nicht. Bei Sonnenschein blieben sie dagegen orientierungsfähig – vermutlich, weil sie zusätzlich den Sonnenstand zur Orientierung nutzen konnten.
Noch ist offen, wie die Signale aus der Leber an das Gehirn weitergeleitet werden. Mikroskopische Aufnahmen des Lebergewebes deuten jedoch darauf hin, dass die betroffenen Zellen in unmittelbarer Nähe zu Nervenfasern liegen. Über Vögel hinaus könnten diese Erkenntnisse Auswirkungen auf Tiere wie Haie haben, die ohne Licht navigieren.
* Dafür bündelte ein interdisziplinäres Team aus Immunolog:innen der Universität Bonn, Physiker:innen der Universität Duisburg-Essen und Verhaltensbiologen:innen des Max-Planck-Instituts für Verhaltensbiologie seine Expertise.
Weitere Informationen:
Bildbeschreibung: Brieftauben ohne Makrophagen fanden an sonnigen Tagen (orange) erfolgreich den Weg nach Hause, an bewölkten Tagen (blau) jedoch nicht.
Zur ausführlichen Pressemitteilung beim Max-Planck-Institut für Verhaltensbiologie: https://www.ab.mpg.de/944978/news_publication_26514353_transferred
Link zur Originalpublikation: Clivia Lisowski et al., “Homing pigeon navigation relies on superparamagnetic macrophages under overcast conditions,” in *Science*, 2026, DOI: https://doi.org/10.1126/science.ady2486
Prof. Dr. Ulf Wiedwald, Universität Duisburg-Essen, Fakultät für Physik, ulf.wiedwald@uni-due.de