Interview mit NRW-Schulministerin Dorothee Feller und Professorin Dr. Isabell van Ackeren-Mindl
Multiprofessionelle Schulentwicklung am Bildungscampus Bockmühle
- von Astrid Bergmeister
- 23.07.2026
Der Bildungscampus Bockmühle: ein hervorragendes Beispiel für multiprofessionelle Schulentwicklung, in der viele Partner systematisch zusammenarbeiten. NRW-Schulministerin Dorothee Feller und UDE-Professorin Dr. Isabell van Ackeren-Mindl im Gespräch mit UDE-Pressesprecherin Astrid Bergmeister über gute Schulentwicklung durch bildungspolitische Impulse des Schulministeriums und engagierte Bildungsforschung der UDE.
Frau Ministerin Feller, wir sprechen heute über den Bildungscampus Bockmühle als hervorragendes Beispiel für multiprofessionelle Schulentwicklung. Was macht das Projekt aus bildungspolitischer Sicht so bedeutend?
Der Bildungscampus Bockmühle ist ein gutes Beispiel dafür, wie wir Schulen in besonders herausfordernden Lagen unterstützen können – indem nämlich alle Beteiligten an einem Strang ziehen und gemeinsam ein Konzept entwickeln, das passgenau auf den Standort abgestimmt ist. Besonders hilfreich war dabei, dass die Universität Duisburg-Essen ihre Erfahrungen aus der Lehrkräfteausbildung in den Prozess miteingebracht hat. Denn pädagogische Konzepte müssen nicht nur auf dem Papier gut aussehen, sie müssen auch praxistauglich sein.
Frau van Ackeren-Mindl, Sie leiten die wissenschaftliche Begleitung des Projekts Bildungscampus Bockmühle. Aus wissenschaftlicher Perspektive: Was macht dieses Projekt so besonders?
Besonders ist auch für uns, dass hier so viele Partner systematisch zusammenarbeiten: Schule, Soziale Arbeit, Jugendhilfe, Kommune als Schulträger, Bezirksregierung, Land, die RAG-Stiftung und wir als Wissenschaftlerinnen aus den Bildungs-, Geistes- und Gesellschaftswissenschaften an der Universität Duisburg-Essen.
Wir verstehen diese Zusammenarbeit als Forschungs-Praxis-Partnerschaft: Wir bringen wissenschaftliche Erkenntnisse und das Erfahrungswissen der Beteiligten vor Ort zusammen. Dabei betrachten wir die Schule als lernende Organisation, in der Unterrichtsqualität, Sprachbildung, Demokratiebildung, die Zusammenarbeit mit Eltern, die Arbeit im Sozialraum und die Gestaltung von Übergängen von den Grundschulen in die Gesamtschule Bockmühle in ihrem Zusammenspiel weiterentwickelt werden. Das gemeinsame Ziel ist, die Bildungswege und Teilhabechancen der Kinder und Jugendlichen nachhaltig zu stärken.
Frau Feller, welche Parameter sind aus Ihrer Sicht entscheidend für eine gute Schulentwicklung und welchen Beitrag kann das Ministerium dazu leisten?
Ministerium und Bezirksregierungen können als Schulaufsicht sicher den einen oder anderen Prozess mit anstoßen und begleiten. Das ist auch der Anspruch, den wir mit unserem Schulkompass NRW 2030 verfolgen. Entscheidend für eine gute Schulentwicklung vor Ort – auch und gerade unter schwierigen Bedingungen – ist jedoch das Engagement unserer Schulleiterinnen und Schulleiter. Frau Gajewski und ihr Team setzen sich an der Bockmühle seit Jahren für ihre Schule ein. Darüber hinaus hat auch die Stadt Essen großes Interesse daran, dass der Bildungscampus zu einem Erfolg wird, denn gute Schulen wirken sich immer auch positiv auf das gesamte Quartier aus.
Frau van Ackeren-Mindl, welche Kriterien sind aus Ihrer Sicht als Bildungswissenschaftlerin entscheidend für eine gute Schulentwicklung?
Schulleitungen haben dabei in der Tat eine Schlüsselrolle. Sie müssen gemeinsam mit dem Kollegium Orientierung herstellen, gerade wenn viele Anforderungen gleichzeitig drängen: Was ist für das Lernen und die Entwicklung der Schülerinnen und Schüler besonders wichtig – und was hat zunächst weniger Vorrang?
Dafür brauchen Schulen Zeit und Unterstützung, um zunächst genauer hinzuschauen: Wie erleben Schülerinnen und Schüler, Eltern, Lehrkräfte und weitere Fachkräfte die Schule? Was zeigen Daten zum Wohlbefinden, zur sozialen Eingebundenheit, zu Lernständen und zu Übergängen? Auf dieser Grundlage lassen sich Ziele priorisieren und passende Entwicklungswege abstimmen und erproben.
Wir orientieren uns dabei grundsätzlich an einer stärkenorientierten Perspektive, um die Erfahrungen, Fähigkeiten und Potenziale von Kindern und Jugendlichen einzubeziehen und darüber auch ihre Selbstwirksamkeit zu fördern.
Frau Ministerin, Projekte wie der Bildungscampus Bockmühle können ein Türöffner und eine Chance für Schülerinnen und Schüler sein. Welche bildungspolitischen Ziele verbinden Sie damit?
Als Ministerin gehört zu meinen wichtigsten Aufgaben, überall in Nordrhein-Westfalen für faire Bildungschancen zu sorgen. Und das heißt vor allem, dass wir überall dort, wo unsere Schulen mit besonderen Herausforderungen umzugehen haben, besondere Unterstützung bereitstellen. Deshalb bekommen Schulen mit einem hohen Sozialindex wie die Gesamtschule Bockmühle beispielsweise einen Stellenzuschlag. Zudem brauchen wir an diesen Schulen Konzepte, die passgenau auf den Standort zugeschnitten sind und das gesamte Quartier ins Schulleben miteinbeziehen. Dazu gehört zuallererst, dass wir regelmäßig Feedback von den Schülerinnen und Schülern einholen und sie direkt in die Schulentwicklungsprozesse einbinden. Das umfasst auch, dass die örtliche Jugendhilfe ihre Angebote in die Schulen hineinträgt und dass umliegende Unternehmen sich zum Beispiel in der beruflichen Orientierung engagieren. Und dazu gehört natürlich auch die Zusammenarbeit mit der Universität Duisburg-Essen.
Frau van Ackeren-Mindl, mit welchen Ansätzen kann ein Bildungscampus wie die Bockmühle aus Ihrer wissenschaftlichen Perspektive ein Türöffner und eine Chance für Schülerinnen und Schüler sein?
Wichtig ist, dass Schulen nicht nur basale Kompetenzen sichern, sondern darüber hinaus Lernmöglichkeiten für alle Schülerinnen und Schüler erweitern. Gerade an sozialräumlich benachteiligten Standorten braucht es auch anspruchsvolle Lerngelegenheiten, die Kinder und Jugendliche fordern, ohne sie zu überfordern, die Raum für eigene Fragen und Gestaltungsmöglichkeiten geben und erfahrbar machen, dass Anstrengung zu Fortschritt führt.
Neue Perspektiven auf mögliche Bildungswege entstehen auch durch die Zusammenarbeit mit der Universität: Die Jugendlichen führen Interviews mit Forschenden, besuchen den Campus und erhalten Einblicke in Studien- und Berufsmöglichkeiten.
Frau Feller, wo sehen Sie die entscheidenden Impulsgeber für Bildungsgerechtigkeit in der Schulentwicklung in Nordrhein-Westfalen?
Aus meiner Sicht haben Bund und Länder mit dem Startchancen-Programm einen Impuls gesetzt, der in seiner Breiten- und Tiefenwirkung kaum zu überschätzen ist. Neben den Investitionen – über vier Milliarden Euro allein in NRW – halte ich vor allem den pädagogischen Ansatz für richtig und wichtig: Die Startchancen-Schulen, zu denen ja auch die Gesamtschule Bockmühle gehört, stellen das Lesen, Schreiben, Zuhören und Rechnen sowie die sozial-emotionale Entwicklung unserer Schülerinnen und Schüler in den Mittelpunkt. Diese sogenannten Basiskompetenzen sind die Grundvoraussetzung für jeden Bildungserfolg und deshalb auch der Kern unserer Schulentwicklungsstrategie in Nordrhein-Westfalen.
Frau van Ackeren-Mindl, von der Universitätsallianz Ruhr, und insbesondere von der Universität Duisburg-Essen, sind bereits entscheidende Impulse für eine zukunftsweisende Schulentwicklung und Lehrkräftebildung in NRW ausgegangen. Was sind für Sie als Bildungswissenschaftlerin die wichtigsten Erkenntnisse?
Eine zentrale Erkenntnis ist, dass wir Schulentwicklung systematischer von Kindern und Jugendlichen aus denken müssen. Schule muss so gestaltet sein, dass sie unterschiedliche Lebenslagen, Sprachen, Lernwege und Potenziale anerkennt und ihnen gerecht werden kann. Dafür brauchen Schulen auch einen verlässlichen Blick auf die eigene Ausgangslage, um Ressourcen gezielt zu nutzen. Datengestützte Schulentwicklung bedeutet: genau hinschauen, Ursachen verstehen, gemeinsame Ziele festlegen, passende Maßnahmen erproben und anschließend prüfen, welche Veränderungen sich erkennen lassen.
Für die Lehrkräftebildung ist das Ruhrgebiet ein besonderer Lernraum. Studierende erfahren hier sehr konkret, wie anspruchsvoll, aber auch wie wirksam professionelle Arbeit gerade an Schulen in herausfordernden Lagen sein kann. Einige Studierende haben bereits ihre Abschlussarbeit im Projektkontext angefertigt. Auch das Lehramtsstipendium Ruhr mit dem Studienprofil Bildungsgerechtigkeit knüpft hier an. Es verbindet Lehramtsstudierende in der Universitätsallianz Ruhr früh im Studium mit besonders engagierten Schulen in der Region.
Frau Feller, wir haben viel über Schulentwicklung und die Rolle der Schulleitungen gesprochen. Welchen Beitrag leisten denn die einzelnen Lehrerinnen und Lehrer?
Keine Frage: Guter Unterricht an unseren Schulen steht und fällt mit unseren gut 200.000 Lehrerinnen und Lehrern. Um sie bestmöglich auf die Arbeit mit unseren Kindern und Jugendlichen vorzubereiten, haben wir kürzlich die Lehrkräfteausbildung modernisiert. Gerade mit Blick auf Standorte wie den Bildungscampus Bockmühle leistet auch das Lehramtsstipendium Ruhr einen Beitrag dazu, dass unser Lehrkräftenachwuchs gut ausgebildet in den Schulen ankommt. Das Programm, an dem ja auch die UDE beteiligt ist, bereitet angehende Lehrerinnen und Lehrer gezielt auf eine Tätigkeit an Schulen in herausfordernder Lage vor.
Frau Feller, kann das Projekt Bildungscampus Bockmühle eine Blaupause für andere Schulen sein? Was sind dabei aus Ihrer Sicht die wichtigsten Erkenntnisse, die Sie in Ihre bildungspolitische Arbeit integrieren?
Von einer „Blaupause“ zu sprechen, wäre mir etwas zu pauschal, denn Schul- und Unterrichtsentwicklung muss immer von den ganz individuellen Verhältnissen vor Ort ausgehen. Richtig ist aber: Durch die enge Einbindung der Schulaufsicht und die wissenschaftliche Begleitung durch die UDE war das Campus-Projekt von Vornherein darauf ausgelegt, dass wir positive Erfahrungen auch auf andere Standorte übertragen können, die vor ähnlichen Herausforderungen stehen. Diesen Ansatz verfolgen wir übrigens auch im Startchancen-Programm. Wünschen würde ich mir darüber hinaus, dass die gute Zusammenarbeit zwischen allen Beteiligten beispielgebend ist für die Schulentwicklung an anderen Standorten. Denn uns alle eint das Ziel, unseren Kindern und Jugendlichen faire Bildungschancen zu ermöglichen.
Frau van Ackeren-Mindl, wie sehen Sie das aus Ihrer Perspektive?
Das sehe ich ähnlich: Der Bildungscampus lässt sich nicht als fertiges Modell auf andere Schulen übertragen. Übertragbar ist vor allem der gemeinsame Arbeitsmodus: die Ausgangslage genau zu verstehen, wenige Ziele zu vereinbaren, Angebote miteinander zu verbinden, Verantwortung zu klären und regelmäßig zu prüfen, was bei den Schülerinnen und Schülern ankommt. Die Schulleitung schafft dafür verlässliche Kooperationsstrukturen und führt die fachlichen Perspektiven von Lehrkräften, Sozialer Arbeit, Jugendhilfe und weiteren Partnern im Umfeld der Schule verbindlich zusammen.
Auch die enge Zusammenarbeit zwischen Schule und Wissenschaft ist ein wichtiger Baustein. Das setzt auf beiden Seiten Offenheit, Veränderungswillen und die Bereitschaft voraus, kontinuierlich miteinander zu lernen. Die Bockmühle zeigt eindrucksvoll, wie eine solche Zusammenarbeit gelingen kann.
Im Bild: NRW-Schulministerin Dorothee Feller (M.) im Gespräch mit UDE-Bildungsforscherin Prof. Dr. Isabell van Ackeren-Mindl (r.) und Astrid Bergmeister, Pressesprecherin der UDE (l.).
Ansprechpartnerin für das Projekt:
Dr. Christine Becks, Tel.: +49 201 1833841,christine.becks@uni-due.de