Ein internationales Forschungskonsortium analysiert Hirnbildgebungsdaten aus 16 Studien mit insgesamt 409 Teilnehmenden und zeigt, dass unterschiedliche …
Ein internationales Forschungskonsortium analysiert Hirnbildgebungsdaten aus 16 Studien mit insgesamt 409 Teilnehmenden und zeigt, dass unterschiedliche Methoden der Placeboinduktion teilweise unterschiedliche neuronale Mechanismen aktivieren.Essen, Deutschland, und Hanover, New Hampshire, USA – Wissenschaftler:innen wissen seit Langem, dass Erwartungen Schmerzen lindern können. Unklar war bislang jedoch, ob unterschiedliche Arten, solche Placeboeffekte hervorzurufen, auf denselben biologischen Mechanismen beruhen. Eine neue, in Nature Communications veröffentlichte Studie liefert nun überzeugende Belege dafür, dass dies nicht der Fall ist.
Forschende des Sonderforschungsbereichs/Transregio 289 „Treatment Expectation“ an der Universitätsmedizin Essen
(www.treatment-expectation.de) haben gemeinsam mit dem internationalen Placebo Imaging Consortium Bildgebungsdaten des Gehirns von 409 Teilnehmenden aus 16 Studien zur placeboinduzierten Schmerzlinderung analysiert. Die Ergebnisse zeigen, dass eine allein durch verbale Suggestion hervorgerufene Schmerzlinderung und eine durch Lernerfahrungen verstärkte Placeboanalgesie auf teilweise überlappenden, aber auch unterschiedlichen neuronalen Signalwegen beruhen. Damit wird deutlich, dass Placeboeffekte auf die Schmerzwahrnehmung nicht nur ein einziger neurobiologischer Mechanismus zugrunde liegt.
Die Studie zählt zu den bislang größten bildgebenden Untersuchungen zur Placeboanalgesie und ist das Ergebnis einer einzigartigen internationalen Zusammenarbeit, bei der Daten auf
Ebene einzelner Teilnehmender aus Laboren in Europa und Nordamerika zusammengeführt wurden. Durch die gemeinsame Auswertung individueller Hirnbildgebungsdaten – anstelle einer ausschließlichen Analyse bereits veröffentlichter zusammenfassender Ergebnisse – konnten die Forschenden Muster sichtbar machen, die in einzelnen Studien nicht zu erkennen sind.
Unterschiedliche Wege zum PlaceboeffektPlaceboeffekte beruhen auf der Erwartung einer Person, dass ihre Schmerzen gelindert werden. Diese Erwartung kann auf zwei unterschiedliche Arten ausgelöst werden. Bei einem Ansatz erhalten die Teilnehmenden verbale Informationen, die nahelegen, dass eine Behandlung die Schmerzen reduzieren wird. Beim anderen Ansatz werden solche verbalen Suggestionen mit einer sog. Konditionierung kombiniert, in der die Teilnehmenden während einer Lernphase unmittelbar eine Schmerzlinderung erfahren.
Frühere Studien hatten bereits gezeigt, dass vorausgegangene Behandlungserfahrungen die Placeboanalgesie verstärken können. Unklar blieb jedoch, ob dieser stärkere Effekt durch dieselben biologischen Mechanismen oder durch unterschiedliche neuronale Signalwege entsteht.
Um diese Frage zu beantworten, verglich das Forschungsteam die Hirnreaktionen aus Studien, in denen entweder ausschließlich verbale Instruktionen oder verbale Instruktionen in Kombination mit einer unmittelbaren Erfahrung, also einer Konditionierung, eingesetzt worden waren. Beide Ansätze aktivierten gemeinsame, mit Placeboeffekten verbundene Netzwerke. Die Analyse zeigte jedoch auch wichtige Unterschiede.
Beide Methoden erhöhten die Aktivität in Hirnregionen, die mit kognitiver Kontrolle und Aufmerksamkeit in Verbindung stehen, und verringerten gleichzeitig die Aktivität in Bereichen, die an der Schmerzverarbeitung beteiligt sind. Die Konditionierung aktivierte darüber hinaus Hirnsysteme, die mit der Repräsentation von Kontextinformationen und der Schmerzmodulation zusammenhängen. Zudem führte sie zu einer stärkeren Verringerung der Aktivität in sensorischen und insulären Regionen, die an der Verarbeitung schmerzhafter Reize beteiligt sind. Die Konditionierung ging außerdem mit einer stärkeren Veränderung etablierter Hirnmarker der nozizeptiven Schmerzverarbeitung einher.
Insgesamt legen die Ergebnisse nahe, dass Placeboanalgesie über mehrere biologische Wege entstehen kann und nicht auf einem einzigen, einheitlichen Mechanismus beruht.
Aus Heterogenität lernenÜber viele Jahre hinweg stellte die große Variabilität zwischen Placebostudien eine Herausforderung für Forschende dar, die nach einheitlichen neuronalen Mechanismen suchten. Die neue Studie deutet darauf hin, dass ein Teil dieser Variabilität auf bedeutsame biologische Unterschiede zurückzuführen ist und nicht lediglich auf experimentelles Rauschen.
„Da sich Placebostudien in ihren experimentellen Einzelheiten stark unterscheiden können, war es bislang schwierig, die ihnen gemeinsamen Hirnprozesse zu identifizieren“, sagt Prof. Tamas Spisak, Erstautor der Studie und Wissenschaftler an der Universitätsmedizin Essen.
„Durch die Zusammenführung von Daten einzelner Teilnehmender aus zahlreichen Laboren weltweit konnten wir zeigen, dass ein Teil dieser Heterogenität tatsächlich aufschlussreich ist. Unterschiedliche Methoden zur Erzeugung von Placeboeffekten hinterlassen jeweils charakteristische Spuren im Gehirn. Große kollaborative Datensätze ermöglichen es uns, diese Muster sichtbar zu machen.“
Ermöglicht wurden die Ergebnisse durch das Placebo Imaging Consortium, eine internationale Kooperation, die gegründet wurde, um Bildgebungsdaten und wissenschaftliche Expertise zwischen Laboren auszutauschen, die Placeboeffekte untersuchen.
„Diese Studie verdeutlicht die Stärke gemeinschaftlicher Forschung“, sagt Prof. Tor D. Wager, Co-Leiter des Placebo Imaging Consortium und Professor am Dartmouth College in den USA. „Fragen zu den Mechanismen von Placeboeffekten sind häufig zu komplex, um von einzelnen Laboren allein beantwortet zu werden. Indem wir Forschende und Datensätze aus aller Welt zusammengebracht haben, konnten wir eine seit Langem offene Frage des Forschungsfeldes untersuchen. Dabei zeigte sich, dass Erfahrungen, die vorangegangene Suggestionen verstärken, eine entscheidende Rolle dabei spielen, Placeboeffekte besonders wirksam zu machen.“
Bedeutung für die MedizinPlaceboeffekte tragen in vielen Bereichen der Medizin wesentlich zum Behandlungserfolg bei, insbesondere in der Schmerztherapie. Ein besseres Verständnis der zugrundeliegenden Mechanismen könnte Forschenden sowie Ärztinnen und Ärzten dabei helfen, gezieltere Ansätze zu entwickeln, um positive Behandlungserwartungen und Lernprozesse therapeutisch zu nutzen.
„Seit Jahrzehnten zeigt die Placeboforschung, dass Erwartungen Schmerzen beeinflussen können. Unklar blieb jedoch, ob unterschiedliche Arten, solche Erwartungen zu erzeugen, auf derselben zugrunde liegenden Biologie beruhen“, sagt Prof. Ulrike Bingel, Neurologin, Sprecherin des SFB/TRR 289 „Treatment Expectation“ und Seniorautorin der Studie. „Unsere Ergebnisse legen nahe, dass dies nicht der Fall ist. Durch die Identifizierung unterschiedlicher neuronaler Signalwege kommen wir dem Verständnis näher, welche Mechanismen in verschiedenen klinischen Situationen aktiviert werden können. Künftig könnte uns dieses Wissen dabei helfen, gezieltere Strategien zu entwickeln, um die körpereigenen schmerzlindernden Systeme von Patientinnen und Patienten zu unterstützen und Behandlungsergebnisse zu verbessern.“
Die Forschenden betonen, dass Placeboeffekte nicht einfach nur eingebildete Verbesserungen sind. Vielmehr gehen sie mit messbaren Veränderungen der Hirnaktivität einher, die beeinflussen, wie Schmerzen verarbeitet und erlebt werden.
Die Ergebnisse vertiefen nicht nur das Verständnis eines der faszinierendsten Phänomene der Medizin. Sie zeigen auch, wie groß angelegte internationale Kooperationen grundlegende biologische Mechanismen sichtbar machen können, die in kleineren Studien verborgen bleiben.
Über die StudieTitel: Meta-analytic evidence for distinct neural correlates of conditioned vs. verbally induced placebo analgesia
Link: https://www.nature.com/articles/s41467-026-74743-0.epdfIn der Studie wurden individuelle Daten von Teilnehmenden aus 16 funktionellen Bildgebungsstudien mit insgesamt 409 Personen analysiert. Die Forschenden verglichen eine ausschließlich durch verbale Suggestion hervorgerufene Placeboanalgesie mit einer Placeboanalgesie, die durch verbale Suggestion in Kombination mit Konditionierung erzeugt wurde. Die Analyse zeigte sowohl gemeinsame als auch unterschiedliche neuronale Mechanismen der beiden Ansätze. Zudem wurde deutlich, dass Konditionierung zusätzliche Hirnsysteme aktiviert, die mit Schmerzmodulation und nozizeptiver Verarbeitung verbunden sind.
Über den SFB/TRR 289 „Treatment Expectation“Der Sonderforschungsbereich/Transregio 289 „Treatment Expectation“ untersucht, wie Erwartungen Behandlungsergebnisse bei einer Vielzahl medizinischer Erkrankungen beeinflussen. In dem Verbund arbeiten Forschende aus unterschiedlichen Disziplinen und Institutionen zusammen, um die psychologischen, neurobiologischen und klinischen Mechanismen zu verstehen, über die Erwartungen Gesundheit und Genesung prägen. Weitere Informationen unter www.treatment-expectation.de.
Neben dem SFB wird die Forschung von Professor Wager durch einen NIH MERIT Award zu Placeboeffekten, R37-076136, unterstützt. Im Mittelpunkt des Projekts steht die Untersuchung der neuronalen Mechanismen, die Placeboeffekten zugrunde liegen.